US-amerikanischer Wein

Von allen bedeutenden Weinländern der Erde haben die USA die jüngste Weinbaugeschichte, die sich gleichwohl als kaum weniger ereignisreich erweist. Zwar bezeichneten bereits die Wikinger, die um das Jahr 1000 an der amerikanischen Ostküste landeten, das aus ihrer Sicht “neuentdeckte” Land als “Vinland” (ob diese Bezeichnung tatsächlich mit “Weinland” übersetzt werden kann ist umstritten), doch weder betrieben die Nordmänner aktiven Weinbau, noch konnten sie sich dort für längere Zeit festsetzen.

 

Ohne jeden Zweifel blieben auch den nordamerikanischen Ureinwohnern die dicken Trauben des wild in den Wäldern wachsenden Weins nicht lange verborgen. Ob sie es auch verstanden, aus den wilden Beeren Wein herzustellen oder sesshafte Kulturen gar gezielten Weinbau betrieben haben, konnte nach aktuellem Stand der Forschung nicht nachgewiesen werden, ist aber durchaus nicht völlig auszuschließen. Dank überlieferter Berichte gilt jedoch als gesichert, dass auch die ersten englischen Siedler nach ihrer Ankunft im heutigen Virginia im Jahre 1607 auf wilde, überaus große Trauben ausbildende, heimische Reben gestoßen waren. Frühe Kelterversuche blieben jedoch enttäuschend, da sich der Wein als nicht besonders schmackhaft, ja geradezu ungenießbar erwies.

 

Nachdem vor allem entlang der Ostküste weitere britische Kolonien entstanden waren, wagte man erstmals den Versuch, aus Europa eingeführte Rebsorten anzupflanzen, was jedoch an keinem einzigen Ort von Erfolg gekrönt war. Einerseits führten die veränderten Klimabedingungen zum Eingehen der Pflanzen, andererseits machten ihnen die fremden Schädlinge zu schaffen, die man erst Jahrhunderte später entdecken sollte und an die die europäischen Reben nicht im Mindesten angepasst waren: Mehltau und Reblaus.

 

Aller Misserfolge zum Trotz blieben die Menschen hartnäckig und versuchten durch Züchtung und Kreuzung heimischer mit europäischen Reben brauchbare Neuschöpfungen zu kreieren. Selbst Präsident George Washington (1732 – 1799) stellte auf seinem Landgut eigene Zuchtversuche an und war an einer Förderung des amerikanischen Weinbaus interessiert. Durch Steuerfreiheit auf in den USA hergestellten Wein glaubte er seine Landsleute vom Konsum hochprozentigen Whiskeys und dem damit in Zusammenhang geglaubten Verfall der Gesellschaft abbringen zu können. Washingtons ehrenwerten Idealismus zum Spott blieb die Ostküste doch Zeit seines Lebens und darüber hinaus von Weinimporten abhängig und entwickelte sich nicht zur erhofften Weinnation.

 

Erfolg hatte man hingegen etwa zur selben Zeit an der Westküste. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der küstennahe Streifen, der heute als Kalifornien bekannt ist, verstärkt von mexikanischen Siedlern in Besitz genommen. Aufgrund des wesentlich heißeren und trockeneren Klimas konnten Mehltau und Reblaus hier nur sehr bedingt überleben und sich ausbreiten, dem erfolgreichen Weinbau stand also nichts im Wege.

 

Die noch jungen Vereinigten Staaten von Amerika hatten sich seit ihrer Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1776 zusehends immer weiter nach Westen ausgebreitet und neue Territorien hinzugewonnen. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts endete die westliche und südwestliche Landesgrenze an die zu Mexiko gehörenden Staaten Alta California, Nuevo Mexico und Texas (aus denen später die US-Bundesstaaten Kalifornien, New-Mexico, Arizona, Nevada, Utah, Wyoming und Texas hervorgehen sollten). Im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg von 1846 bis 1848 verlor der südwestliche Nachbar rund die Hälfte seines Staatsgebietes und das Territorium der USA reichte nun von Küste zu Küste.

 

Nun hatte man auch Zugang zu den kalifornischen Weinbergen, wodurch erstmals in der Geschichte des Landes leistungsfähiger und wirtschaftlicher Weinbau betrieben werden konnte. Als kurze Zeit später auch noch der Goldrausch Kalifornien erfasste, folgten Menschen aus aller Welt dem Ruf des begehrten Edelmetalls und verließen ihre Heimat. Unter ihnen waren u. a. Deutsche, Italiener und Franzosen, die auf der Suche nach dem schnellen Glück meist ohne einen Penny in der Tasche im Gelobten Land ihrer Träume ankamen und nicht selten ebenso schnell scheiterten. Nicht wenige von ihnen verfügten jedoch über Kenntnisse im Weinbau und sahen sich nun, in Anbetracht des ausbleibenden Goldfundes, gezwungen, anderweitig über die Runden zu kommen. Natürlich erwarben auch zu Reichtum gekommene Immigranten das eine oder andere Stück Land und ließen sich als Weinbauern dauerhaft nieder.

 

Nach Fertigstellung der transkontinentalen Eisenbahn im Jahre 1869 stand dem Handel mit der Ostküste nichts mehr im Wege und kalifornische Weine fanden sogar den Weg nach Europa. Jetzt erst erkannte man auch durch die Verwüstungen, welche die aus Amerika nach Europa eingeschleppte Reblaus anrichtete, weshalb importierte Reben jahrhundertelang nicht gedeihen wollten: Die nordamerikanischen Böden waren ortsweise geradezu mit Rebläusen verseucht. Die durch den Schädling verursachten Zerstörungen in der Alten Welt ließen naturgemäß auch die Nachfrage nach US-Weinen steigen und führte endlich auch im Osten durch Pfropfen ausländischer Reben auf einheimische Wurzelstöcke zur erfolgreichen Anlage von umfangreichen Weinbergen.

 

Nur die Prohibition (Alkoholverbot von 1919 bis 1933) machte den allgemeinen Aufschwung im Weinbau zunichte. Viele Weinberge wurden gerodet oder mit Tafeltrauben bepflanzt, Winzer wurden ihrer Existenzgrundlage beraubt und kostbares Wissen ging auf Jahrzehnte hinaus verloren. Eine Nische bestand lediglich in der Herstellung von Messwein für die Kirchen des Landes, doch konnte diese nur von den Allerwenigsten auch wirklich genutzt werden.

 

Auch nach dem Ende des landesweiten Alkoholverbots kam die amerikanische Weinwirtschaft nur sehr schleppend wieder auf die Füße. In den späten 1920er Jahren herrschte Weltwirtschaftskrise, ebenso nach dem Zweiten Weltkrieg. Außerdem fehlte den Menschen oft schlichtweg das Wissen, um erneut ins Weingeschäft ihrer Väter einzusteigen. Vielerorts war man auf ausländische Weinhändler oder große Wein-Hersteller angewiesen, um den Weg zurück auf die internationale Bühne zu finden. Im Verlauf der 1970er war der erneute Umbruch dann endlich geschafft und die USA haben sich seither in erstaunlich kurzer Zeit zu einer der bedeutendsten Weinbaunationen der Welt gemausert.

           

Auf einer Fläche von mehr als 320.000 ha produziert das Land etwa 17 Mio. Hektoliter Wein pro Jahr. Die Vereinigten Staaten liegen damit derzeit nach Frankreich, Italien und Spanien auf Platz 4 der bedeutendsten Weinbauländer der Erde.  


Die Region

Überraschenderweise wird in allen 50 Bundesstaaten der USA, inklusive Alaska und Hawaii, Weinbau betrieben. Die Größe der jeweiligen Weingebiete kann jedoch von Staat zu Staat sehr stark variieren; allein Kalifornien verfügt über rund die Hälfte aller Weinbaubetriebe und liefert nahezu 90% der gesamten US-Weinproduktion.

 

Entsprechend der beträchtlichen Ausdehnung des Landes ist eine Vielzahl an Klimazonen vorherrschend, die Weinbau mehr oder weniger profitabel machen. Ganz allgemein kann gesagt werden, dass der östliche Teil der USA ein eher gemäßigtes Klima mit warmen Sommern und kalten Wintern aufweist, während sich gegen Süden hin, beeinflusst durch den Golf von Mexiko, ein subtropisches Klima bemerkbar macht. Je weiter man  Richtung  Westen  gelangt, desto wärmer und trockener werden die Wetterbedingungen. An der Westküste wirkt sich der kalte Meeresstrom aus der Polarzone mildernd auf die Trockenheit aus, weshalb das Klima dort als mediterran bezeichnet werden kann.




Die Weine

Die Bedeutung Kaliforniens wird zusätzlich dadurch ersichtlich, dass praktisch nur dort US-Weine von absoluter Spitzenklasse hergestellt werden, die es selbst mit namhaften Weinen aus Frankreich, Italien und Spanien aufnehmen können. Etwa die Hälfte aller Bundesstaaten verfügt zurzeit über eine oder mehrere der rund 200 als AVA (American Viticultural Area) klassifizierten Weingebiete.

 

Die wichtigsten Rebsorten des Landes sind: Weiß: Chardonnay, Chenin Blanc, Gewürztraminer, Riesling, Sauvignon Blanc, Sémillon, Viognier; Rot: Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Barbera, Carignan, Chancellor, Gamay, Amay, Grenache, Merlot, Pinot Noir, Sangiovese, Shiraz, Zinfandel.

 

Das US-Weingesetz gestaltet sich als überaus liberal und bietet den Winzern ein größtmögliches Maß an Entscheidungsfreiheit, was, gerade aufgrund der sich hier vollkommen anders darstellenden Sachlage, vor allem in Europa für so manchen Unmut sorgt. Es existiert keinerlei Qualitätssystem, keine Mengenbegrenzung in Bezug auf Höchsterträge pro Hektar, keine zugelassenen, verbotenen oder geduldeten Rebsorten, kaum Beschränkungen bezüglich der Zugabe oder künstlichen Manipulation von Säure, Zucker oder aromatisierenden Holzschnipseln. Auch die Bewertung der oben bereits erwähntes AVA's erweist sich als schwierig.

 

Am heftigsten umstritten ist zweifellos die Erlaubnis, Weine auf verschiedenen Wegen – praktisch im Reagenzglas - in ihre einzelnen chemischen Bestandteile zu zerlegen und in unterschiedlichen Kompositionen wieder zusammenzusetzen. Die Einfuhr dieser bislang nicht kennzeichnungspflichtigen sogenannten “Kunstweine” in die Staaten der EU ist seit 2006 rechtlich möglich.