Ungarischer Wein

Die Frühzeit des ungarischen Weinbaus wurde vermutlich sehr stark von dem weiter südlich  liegenden Griechenland beeinflusst. Bislang kann nur darüber gemutmaßt werden, ob die ungarischen Urvölker schon früher wildwachsende Reben zu Wein verarbeitet haben – gefundene Traubenkerne konnten auf ein Alter von vor 5300 Jahren datiert werden, doch kann anhand der Fundstücke nicht abgeleitet werden, in welcher Form die Trauben verzehrt worden sind. So ist davon auszugehen, dass sich die griechische Weinkultur spätestens ab 750 v. Chr. bis weit über die Nordgrenze der griechischen Staaten hinaus ausbreitete und zu dieser Zeit auch die Völker des Karpatenbeckens erreichte.

 

Leider ist über die zu dieser Zeit dort lebenden Menschen recht wenig bekannt. Zwar bestanden vor allem entlang der Flussläufe rege Handelsbeziehungen, doch galten Skythen und Kelten den zivilisatorisch fortschrittlichen Griechen als barbarisch und nicht weiter studierenswert. Zudem war die Entfernung zu Griechenland vielleicht streckenmäßig nicht unüberwindbar, doch lagen dazwischen viele, nicht selten kriegerische Stämme. Aus diesen Gründen dauerte es noch weitere Jahrhunderte, bis im heutigen Ungarn mit absoluter Sicherheit aktiver Weinbau betrieben worden ist.

 

Um 29 v. Chr. erreichten die ersten römischen Legionen die Karpaten und eroberten innerhalb der kommenden 20 Jahre weitreichende Landstriche. Für die Römer war diese Region, die sie fortan als Provinz Pannonien in ihr Imperium eingliederten, vor allem wegen der reichen Metall- und Getreidevorkommen von wirtschaftlichem Interesse. Auch diente sie als Pufferzone zu den ständig einfallenden Steppen- und Germanenvölkern, die über Jahrhunderte hinweg die Geschicke des Landes bestimmen sollten. Jedenfalls etablierten und festigten die Römer endgültig den Weinbau in Ungarn, der spätestens von dieser Zeit an bis heute ohne Unterbrechung betrieben wird.

 

Die Herrschaft über Pannonien wechselte um das Jahr 430 zunächst an die aus den östlichen Steppen einfallenden Hunnen, die ihrerseits in 455 von den Germanenvölkern der Goten und Langobarden abgelöst wurden. Es folgten die Awaren und um 800 endlich die Magyaren, die ebenfalls aus den Steppen von jenseits des Urals stammten und aus deren Stämmen letztlich das Volk der Ungarn hervorgehen sollte. Im Jahre 1000 gründeten sie das Königreich Ungarn mit Stephan I. (969 – 1038) an der Spitze des Landes. Unter dessen Souveränität wurde die Christianisierung der heidnischen Stämme entscheidend vorangetrieben, was sich auch überaus positiv auf den Weinbau auswirkte. Das sich zunehmend als Staatskirche etablierende Christentum brachte die Gründung vieler Kirchen und Klöster mit sich, die schon allein aufgrund zeremonieller Riten große Mengen an Messwein benötigten. Der Klerus sorgte so für die technische Weiterentwicklung des Weinbaus und die Züchtung neuer ertragreicher Rebsorten.

 

Als das Land in der Mitte des 13. Jahrhunderts von marodierenden mongolischen Reitern zu weiten Teilen verwüstet wurde, sorgte König Béla IV. (1206 – 1270) für die Ansiedlung deutscher, italienischer (die die Furmint-Rebe mitbrachten und damit den Grundstein für den berühmten Tokajer-Wein legten) und wallonischer Einwanderer, die Weinbau und -kultur weiter belebten.

 

Erst mit den Eroberungszügen der Osmanen (Türken), die ab 1526 große Teile Ungarns für rund 150 Jahre besetzt hielten, wurde ein Fortschreiten dieser positiven Entwicklung blockiert. Dennoch kam Ungarn im Vergleich zu anderen weinbaubetreibenden Staaten, die ebenfalls von den Osmanen unterworfen wurden, recht glimpflich davon. Zwar war der Konsum von Alkohol dem Wortlaut des Korans nach untersagt, doch galt dies nur für Muslime und nicht für die christlichen Untertanen. Das Glück der Ungarn war, dass sich die Sultane die ergiebige Geldquelle aus der Besteuerung des Weinhandels nicht gänzlich verschließen wollten und so wurden die ungarischen Winzer wie nirgendwo sonst im Osmanischen Reich weitgehend in Frieden gelassen.

 

Mit dem Fall der Stadt Buda im Jahre 1686 wurde das Land zügig von den Habsburgern zurückerobert und in die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn eingegliedert. Weine aus Ungarn hatten sich zu dieser Zeit längst einen europaweiten Namen gemacht und waren vor allem in Adelskreisen sehr geschätzt. Hier zu nennen ist vor allem der auch heute noch berühmte Tokajer, dessen Spuren sich bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen lassen und der zu den traditionsreichsten und bekanntesten Weinen der Welt gehört. Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte sich das gleichnamige Tokajer-Weingebiet aufgrund der Beliebtheit dieses ungarischen Weins zu einer der reichsten Gegenden Ungarns.

 

Die gegen Ende 1800 in ganz Europa grassierende Reblausplage erreichte natürlich auch Ungarn und wirkte sich auch hier verheerend aus. Als nicht weniger schlimm erwiesen sich die beiden Weltkriege. Auf der einen Seite erlangte Ungarn nach dem Friedensschluss von 1918 und der Zerschlagung des österreichischen Vielvölkerstaates seine Unabhängigkeit, andererseits wirkte sich der langjährige Krieg auf katastrophale Weise auf die europäische Wirtschaft aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg, an dessen Ende Ungarn einmal mehr neben Deutschland auf der Seite des Verlierers stand, errichtete die siegreiche Sowjetunion den sogenannten Ostblock – eine Pufferzone aus von Moskau kontrollierten kommunistischen Marionettenstaaten. Enteignung und staatlich kontrollierter Weinbau waren die Folge. Ungarn wurde vom Westen abgeschnitten, in Massen produzierter Billigwein war nun die Regel und als wichtigster Handelspartner galt die Sowjetunion.

 

Dieser Zustand hielt bis zum Auseinanderbrechen des Ostblocks im Jahr 1990 an. Erst jetzt war es den Winzern wieder möglich, Wein nach ihren eigenen Vorstellungen zu keltern, moderne Arbeitsweisen aus den westlichen Ländern zu übernehmen und die Qualität einen entscheidenden Schritt nach vorne zu bringen. Seither ist ein kontinuierlicher Trend nach oben zu beobachten.

           

Mittlerweile sind wieder viele erstklassige Weine aus Ungarn erhältlich, die im Gegensatz zu ihrer westlichen Konkurrenz zu meist günstigen Preisen zu haben sind. Nicht zu unterschätzen sind auch die vielen kleinen Kellereien, die sich einen überregionalen Auftritt für gewöhnlich nicht leisten können. Die Insgesamt für den Weinbau verwendete Rebfläche beträgt derzeit etwa 70.000 ha, womit rund 3,5 Mio. Hektoliter Wein im Jahr erzeugt werden.


Die Region

In ganz Ungarn dominiert ein mitteleuropäisches kontinentales Klima mit warmen Sommern und kalten Wintern. Regenreiche Wolken ziehen meist von Westen her über das Land, wobei der Niederschlag von West nach Ost zusehends abnimmt. Breitengradmäßig gesehen liegt Ungarn auf Höhe des französischen Burgund, was vor allem für den Anbau von Weißweintrauben geradezu ideale Bedingungen schafft.

 

Insgesamt existieren seit 1997 sieben Weinbauregionen mit 22 Weingebieten: Plattensee (Balaton) (1) mit den Gebieten Badascony, BalatonboglárBalatonfüred-Csopak, Balatonfelvidék, Ballatonmelléke  und SomlóNördliches Transdanubien (Észak Dunantul) (2) mit Ászár-Neszmély, Etyek-Buda, Pannonhalma-Sokoróalja und Mór; Pannonien (Pannon) (3) mit Mecsekalja, Szegszárd, Tolna und Villány; Sopron (4); Donau (Duna) (5) mit Csongrád, Hajós-Baja und Kunság; Erlau (Eger) (6) mit Bükkalja, Egri Bikavér und Mátraalja; Tokaj-Hegyalja (7), das wohl mit Abstand als das berühmteste Weingebiet des Landes angesehen werden kann.




Die Weine

Etwa 70% der in Ungarn gekelterten Weine sind weiß. Von Weltruf ist vor allem der Tokajer, der in verschiedenster Art und Weise hergestellt und ausgebaut wird.

 

Die bedeutendsten Rebsorten sind: Weiß: Welschriesling (Olaszrizling), Furmint (Tokaisky), Würziger aus Cserszeg (Cserszegi Füszeres), Chardonnay, Müller-Thurgau (Rizlingszilváni), Perle von Zala (Zala Gyöngye), Tausendgut (Ezerjó), Arany Sárfehér, Lindenblättriger (Hárslevelü), Veltliner (Zöldveltelini), Pinot Gris (Szürkebarát), Riesling (Rajnai Rizling); Rot: Blaufränkisch (Kékfrankos), Cabernet Sauvignon, Zweigelt, Merlot, Blauer Portugieser (Kékportó), Cabernet Franc.

 

Das Qualitätsstufensystem lässt sich folgendermaßen einteilen:


Bor

(Bis August 2011 „Asztali Bor“) ein einfacher Tafelwein aus zugelassenen Rebsorten, die ab einem Anteil von 70% auf dem Etikett angegeben werden dürfen. Eine Herkunftsangabe ist nicht zulässig.


Oltalom alatt álló Földrajzi Jelzés

(OFJ; bis August 2011 „Tájbor“) entspricht in etwa einem Landwein. Der Herkunftsort und die verwendeten Rebsorten müssen angegeben werden.


Oltalom alatt álló Eredetmegjelölés

(OEM; bis August 2011 „Minöségi Bor“ bzw. „Különleges Minöségi Bor“) diese Weine müssen aus festgelegten Regionen stammen und aus klar eingegrenzten Rebsorten hergestellt werden. Zusätzlich ist der Maximalertrag pro Hektar auf 12 Tonnen begrenzt. Ein Anreichern vor dem Gärprozess mit Fremdzucker ist nicht erlaubt. Rebsorte, Jahrgang sowie Herkunftsort müssen auf dem Etikett genannt werden. Der Alkoholgehalt muss mindestens 10% vol. betragen.

 

 

Zusätzlich können, ähnlich dem deutschen Weinrecht, folgende Prädikate vergeben werden:


Spätlese

Mindestens 190 g/l Mostzucker


Auslese

Mindestens 205 g/l Mostzucker


Ausbruch

Mindestens 220 g/l Mostzucker


Trockenbeerenauslese

Mindestens 250 g/l Mostzucker