Topinambur

Topinambur (auch “Brand aus Jerusalem-Artischocke”) ist die Bezeichnung für Spirituosen, die aus der Wurzelknolle der gleichnamigen Pflanze (auch “Jerusalem-Artischocke”, “Erdbirne” oder “Ross-Erdapfel”) hergestellt werden. Der Zusatz von Alkohol, künstlicher oder natürlicher Farb- oder Aromastoffe (Ausnahme: Karamell) ist nicht erlaubt.


Hintergrund

Die Topinambur-Pflanze stammt ursprünglich aus Nordamerika, erinnert in Aussehen an eine Sonnenblume und ist tatsächlich sogar botanisch mit dieser verwandt. Die einstmals im heutigen Kanada und den nördlichen USA lebenden Ureinwohner nutzten sie vorwiegend als Gemüsepflanze und Viehfutter.

 

Als erste Europäer kamen Anfang des 17. Jahrhunderts die Franzosen mit ihr in Kontakt, die weite Teile des heutigen Ost-Kanada rund um die Großen Seen, sowie ein riesiges Gebiet den Missouri und Mississippi hinunter, das sog. Louisiana-Territorium, für sich als Kolonialbesitz beanspruchten. Bei einer ihrer zahllosen Expeditionen in die unbekannte Wildnis machten die französischen Kundschafter schließlich Bekanntschaft mit einem Indianerstamm, der seit vielen Generationen eine essbare Knolle namens “Hxiben” anbaute. Die Kolonisten, die die Knolle schon bald ebenfalls als Nutzpflanze anbauten und dank ihr schon so manche Hungersnot überstanden hatten, verschifften einige dieser Knollen nach Frankreich, wo sie am Hof des Königs neben anderen wunderlichen Dingen aus der Neuen Welt der neugierigen Öffentlichkeit vorgestellt wurden.

 

Wohl zur selben Zeit hatten Forschungsreisende aus Brasilien 6 Eingeborene vom Stamm der Tupinambá als menschliche Attraktion nach Paris mitgebracht (3 davon starben schon nach kurzer Zeit), wo sie wie Tiere im Zoo von der neugierigen Menge bestaunt wurden. Da der Indianername “Hxiben” für die Franzosen gänzlich unaussprechlich war, und die große Mehrheit sowieso nicht einen amerikanischen Stamm vom anderen unterscheiden konnte, benannte man die aus Nordamerika kommende Wurzel ganz einfach nach den verschleppten südamerikanischen Ureinwohnern. Aus “Tupinambá” wurde dabei irgendwann das französischer klingende “Topinamboux” und letztlich das heutige “Topinambur”.

 

Von Frankreich ausgehend verbreitete sich die Pflanze über ganz Europa, wo sie ebenfalls als Futter- und Gemüsepflanze genutzt wurde und während Zeiten großer Not, so z. B. während des Dreißigjährigen Krieges 1618 bis 1648, verstärkt angebaut wurde, da sie sich als wesentlich widerstandsfähiger und anspruchsloser erwies als beispielsweise die Kartoffel. Gelehrte des Vatikans gaben der Pflanze aufgrund ihres Aussehens den Namen “Girasole Articiocco” (ital.: “Sonnenblumen-Artischocke”), woraus später im Volksmund “Jerusalem-Artischocke” wurde. In manchen Ländern wird sie wegen der Wuchsform der Wurzel auch “Erdapfel” oder “Erdbirne” genannt.

 

Von Europa breitete sich die Topinambur weiter über Russland bis nach Asien und Australien aus, wurde jedoch ab der Mitte des 18. Jahrhunderts wieder weitgehend von der zwar empfindlicheren, dafür aber weitaus ergiebigeren Kartoffel, die in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz ebenfalls gerne als “Erdapfel” bezeichnet wird, verdrängt. Erste Nutzungen der Jerusalem-Artischocke zur Alkoholherstellung sind seit Ende des 19. Jahrhunderts belegt, größere Verbreitung fand dieses Destillat jedoch an keinem Ort und zu keiner Zeit.

           

Heute wird Topinambur nur noch in kleinen Mengen angebaut, in Deutschland erwähnenswert sind vor allem Baden, Brandenburg und Niedersachsen. Etwa 90% der in Deutschland angebauten Knollen werden zur Herstellung der Topinambur-Spirituose verwendet, doch besitzt diese keinen marktrelevanten Stellenwert. Lediglich in Baden konnte sie sich eine kleine traditionsgemäße Nische erhalten, wo man den Topinambur auch als “Topi” oder “Rossler” (von “Ross-Erdapfel”) bezeichnet.