Rhum Agricole

Rhum Agricole ist die vor allen Dingen auf den französischen Karibikinseln, auf Mauritius, Madagaskar u. a. französischen bzw. ehemals zu Frankreich gehörenden Inseln übliche Bezeichnung für Rums, die nicht aus Melasse, sondern aus frischem Zuckerrohrsaft hergestellt werden. Darüber hinaus gelten dieselben gesetzlichen Auflagen wie für Rum im Allgemeinen, wie das Zusatzverbot von Aroma- und Farbstoffen (Ausnahme: Karamell) und ein Alkoholgehalt von mindestens 37,5% vol. Siehe auch Cachaca, Rum und Inländer Rum.


Hintergrund

Die Verwendung von frischem Zuckerrohrsaft anstelle der sonst für die Rumproduktion üblichen Melasse hat ihre Ursache in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zucker, ein bis dahin teures und für die breite Masse kaum erschwingliches Luxusgut, wurde durch den zunehmenden Anbau von Zuckerrüben in Europa ab 1800 zunehmend verbilligt. Zuckerrüben zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie besonders pflegeleicht sind und auch in gemäßigten Breiten sehr gut gedeihen. Die Einführung des Wanzleber Pflugs und der Drillmaschine ab 1850 vereinfachten die Erntebedingungen beträchtlich, wodurch die Produktion von Zucker rapide anwuchs, die Preise dementsprechend sanken.

 

Der deutlich aufwendigere Anbau von Rohrzucker wurde als Folge davon immer weniger profitabel, weithin mit Rohrzucker bepflanzte Karibikinseln wie Martinique oder Guadelupe hatten somit Schwierigkeiten überhaupt noch erfolgreich konkurrieren zu können. Durch die sinkenden Absatzzahlen hatten die französischen Plantagenbesitzer bald reichlich überschüssige Zuckerreserven in ihren Lagern, viele von ihnen gingen unweigerlich bankrott. Wer nicht dasselbe Schicksal erleiden wollte, musste sich also etwas einfallen lassen. Die Lösung bestand darin, Rum nicht wie bisher aus dem Nebenprodukt der Zuckerherstellung, der Melasse, zu brennen, sondern direkt aus dem frisch gepressten Zuckerrohrsaft.

 

Belege weisen darauf hin, dass erstmals um das Jahr 1870 auf der französischen Antilleninsel Martinique sog. “Rhum Agricole” (wörtl. “Landwirtschaftlicher Rum”) hergestellt worden ist. Dank dieser für die Rumindustrie neuartigen Nutzung des Zuckerrohrs konnten die französischen Brenner unabhängig von jeglicher Zuckerraffinerie weiterhin Rum produzieren, die Plantagenbesitzer ihren überschüssigen Zuckerrohrsaft problemlos weiterverkaufen oder selbst verarbeiten. Vor allem Martinique profitierte von dieser Marktlücke und entwickelte sich in den nächsten Jahren zu einer ernstzunehmenden Macht auf dem karibischen Rum-Markt.

 

Diese Entwicklung wurde in 1902 allerdings jäh gestoppt, als nach dem Ausbruch des Vulkans Mount Pele weite Teile der Insel verwüstet wurden und ihre Gesamtkapazität an Zuckerrohr um die Hälfte einbrach. Kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs setzte für kurze Zeit ein erneuter Aufschwung ein, befanden sich doch über 50% aller Destillerien Frankreichs unter deutscher Besatzung, Martinique hingegen lag für die Deutschen unerreichbar in der fernen Karibik. Alkohol war nicht nur für die Moral der Truppe von großer Bedeutung, sondern auch für die Herstellung von Sprengstoff von größter Wichtigkeit.

 

Mit Ende des Krieges begannen heimische Unternehmer des französischen Festlandes jedoch einen politischen Feldzug gegen importierten Alkohol gleich welcher Art. Das Ergebnis dieser Lobbyarbeit waren erhöhte Steuern auf die Einfuhr von Alkohol, die erst nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs wieder aufgehoben wurden. Nach 1945 stiegen die Produktionszahlen an Rhum Agricole zunächst wieder langsam an, waren in den 60er nahezu gleichauf mit französischen Melasse-Rums und haben diese seit den 1970ern sogar überholt.

           

Heute stellt Rhum Agricole den Großteil aller Rums auf dem französischen Markt, auch international gewinnt er zunehmend an Ansehen. Dies ist wohl nicht zuletzt auch auf die Initiative der französischen Regierung zurückzuführen, die einigen ihrer Überseegebiete den Schutz einer gesetzlich geregelten Herkunftsbezeichnung (AOC) bescherte. Da die Bezeichnung “Rhum Agricole” selbst jedoch keinem rechtlichen Schutz unterliegt, machen sich auch andere Hersteller, z. B. aus Guyana und Venezuela, die wachsende Beliebtheit dieses Rum-Typs zunutze.


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