Marsala

Marsala ist die geschützte Bezeichnung für Weine, die aus genau festgelegten Regionen der italienischen Insel Sizilien stammen müssen. Marsala-Weine gibt es sowohl in gespriteter (mit Alkohol verstärkter) als auch ungespriteter Form, zudem sind nur bestimmte Rebsorten zugelassen. Der Alkoholgehalt beträgt meist zwischen 17 und 23% vol. Siehe auch Madeira, Málaga, Mavrodaphne, Portwein, Sherry und Südwein.


Hintergrund

Die Mittelmeerinsel Sizilien wurde etwa um 800 v. Chr. von griechischen Kolonisten besiedelt, die die hier schon seit langem sesshaften Ureinwohner zunächst vor allem aus den Küstengebieten, später auch aus dem Landesinneren verdrängten. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren sie es, die auch die Kenntnisse des Weinbaus aus ihrer Heimat Griechenland mitbrachten und die ersten Rebstöcke anpflanzten.

 

Während der wechselvollen Geschichte der Insel entwickelte sich der dort produzierte Wein über die Jahrhunderte schon zum Teil  zu dem, was man heute als Marsala bezeichnet, doch lässt sich der genaue Zeitpunkt seiner endgültigen Entstehung heute nicht mehr feststellen. Als gesichert gilt, dass Sizilien im 9. Jahrhundert von den Arabern erobert wurde und diese die 397 n. Chr. gegründete Hafenstadt Lilybaeum (Lilybaion) in “Marsh el Allah” (arab.: “Hafen Allahs”), woraus später “Marsala” werden sollte, umbenannten. Aufgrund des Rauschmittelverbots für Muslime wurde während der 250jährigen arabischen Herrschaft der Weinbau zunehmend in den Hintergrund gedrängt. Erst durch die normannische Eroberung im 11. Jahrhundert wurde der Genuss von alkoholischen Getränken wieder “legal”.

 

Es dauerte jedoch nochmals viele hundert Jahre, bis der Marsala-Wein endlich ins Bewusstsein Europas gelangte, nämlich als der Brite John Woodhouse, Sohn eines Kaufmanns aus Liverpool, im Jahr 1770 im Hafen von Marsala landete und dort den Wein der Einheimischen kennenlernte. Nicht nur sein feiner Geschmackssinn war sofort begeistert, auch sein geschäftsmäßig denkender Verstand witterte die sich hier darbietende Chance. Er knüpfte erste Kontakte zu den sizilianischen Winzern und stellte fest, dass sie ihren Wein nach einem ähnlichen Verfahren herstellten, wie die Spanier ihren Sherry oder die Portugiesen ihren Madeira. Bei dem festgestellten Prinzip entnahmen die Weinbauern den Fässern Wein und füllten exakt dieselbe Menge mit jungem Wein wieder auf. In 1773 war es dann soweit: Woodhouse erwarb eine Ladung Marsala-Wein - den er schlicht nach der Stadt benannte, über deren Hafen er ihn verschiffte - mischte ihm eine gewisse Menge höherprozentigem Weinalkohol bei, um die Haltbarkeit während der Reise sicherzustellen, und verschiffte die Fässer nach England. Der endgültige Durchbruch der sizilianischen Spezialität gelang einige Zeit später, um 1800, als die britische Admiralität jährlich rund 500 Fässer Wein für die Versorgung ihrer Matrosen bestellte.

 

Nach der Machtübernahme Napoleon Bonapartes, der schon bald nahezu den ganzen Kontinent beherrschte, wurde den unter seinem Einfluss stehenden Nationen der Handel mit England untersagt. Durch dieses Verbot konnten Spanien und Portugal ihre Sherry-, Madeira- und Portweine nicht mehr an das Inselreich verkaufen und der enorme Verbrauch der britischen Marine, immerhin die gewaltigste Flotte ihrer Zeit, musste anderweitig gestillt werden. Da sich weite Teile Süditaliens und ganz Sizilien der Kontrolle des korsischen Diktators in Paris entzogen, läutete dies die Sternstunde für den Marsala-Wein ein. Schon bald konnte die Produktion mit der Nachfrage der Royal Navy kaum noch Schritt halten und es entstanden zahlreiche neue Firmen auf der Insel.

 

Der allmähliche Niedergang kam jedoch ebenso plötzlich wie der rasante Aufstieg. Mitte des 19. Jahrhunderts vernichtete die Reblausplage weite Gebiete des europäischen Weinbaus, auch Sizilien war hiervon betroffen. Im frühen 20. Jahrhundert kam außerdem die Konkurrenz aus anderen Ländern hinzu: Die sich wieder erholenden Weinbestände von Frankreich, Spanien und Portugal. Am Ende schaufelten sich die sizilianischen Winzer ihr eigenes sprichwörtliches Grab, indem sie, um weiter erfolgreich konkurrieren zu können, billigen, minderwertigen Wein produzierten und diesen zudem, als Fertigprodukt zur Herstellung von Zabaione, mit Eidottern, Mandeln und anderen Zusätzen panschten. Die Kundschaft in aller Welt wich nunmehr auf die altbekannten Produkte Port, Sherry und Madeira aus, die sizilianischen Winzer wurden von ihnen hingegen weitestgehend links liegen gelassen. Unzählige Marsala-Firmen gingen daraufhin Pleite, der Wein selbst versank in der Bedeutungslosigkeit und schrumpfte auf den Stand einer regionalen Spezialität, sofern hiervon überhaupt noch die Rede sein konnte.

           

Erst im Jahr 1969 wurde der Marsala einem rechtlichen Schutz unterstellt, doch war es damals schon längst zu spät und sein Fall zudem viel zu tief gewesen. Es dauerte noch einmal bis in die 1980er Jahre, bis sich einige der wenigen verbliebenen Winzer endlich darum bemühten, den Wein wieder nach den althergebrachten traditionellen Methoden herzustellen um ihn zurück zu seinem angestammten Platz zu führen. Tatsächlich ist dies bis heute nicht gelungen und der Marsala hat es unverändert schwer, sich gegen ähnliche Produkte aus anderen Ländern durchzusetzen. Meist sind nur Kenner mit ihm vertraut, die breite Masse hat ihn kaum je zu Gesicht bzw. ins Glas bekommen. Selbst viele Italiener kennen ihn nur noch als Billigprodukt zur Zubereitung von Süßspeisen. Heutzutage sind jedoch wieder erstklassige Qualitäten zu bekommen, die sich einen dauerhaften Platz unter den noblen Getränken der Welt durchaus verdient haben.


Die Region

Die größte Mittelmeerinsel Sizilien ist an ihrer schmalsten Stelle nur etwa 3 km vom italienischen Festland entfernt. Über 80% der Insel bestehen aus Berg- oder Hügelland. Das mediterrane Klima zeichnet sich durch heiße, trockene Sommer und milde, feuchte Winter aus, wobei die Durchschnittstemperaturen 26°C (Sommer) bzw. 10°C (Winter) betragen. Die wichtigsten Kulturpflanzen sind Weinreben, Olivenbäume, Zitrusfrüchte, Mandelbäume und verschiedene Obstarten.

 

Die zur Provinz Trapani gehörende Hafenstadt Marsala liegt an der äußersten Westküste Siziliens und ist das Zentrum des regionalen Weinbaus sowie  der   Ursprungsort  des  Marsala-Weins. Neben  den klassischen  Anbaugebieten  in Trapani darf Marsala heute zusätzlich auch in den Provinzen Agrigent und Palermo hergestellt werden. Umweltbedingungen wie Hitze, Wind und Salzluft sind im Westen Siziliens für die Rebstöcke noch härter als anderswo auf der Insel, wodurch die Trauben dort viel intensiver, aromatischer und süßer schmecken.




Herstellung

Zur Herstellung von Marsala-Wein sind die folgenden Rebsorten zugelassen: Grillo (weiß), Cataratto (weiß), Inzolia (weiß), Nerello Mascalese (rot), Nero d'Avola (rot) und Perricone (rot).

 

Nachdem die Trauben  sehr spät  im  Jahr  geerntet und eingemaischt worden sind - zu diesem Zeitpunkt sehen sie schon beinahe aus wie Rosinen - werden sie zunächst zu Wein vergoren. Im Anschluss daran erfolgt oft die Zugabe von eingedicktem und unvergorenem Traubensaft (“mistella” oder “mosto cotto”), um den Restzuckergehalt und die Geschmacksrichtung des Weins zu bestimmen. In einigen Fällen wird die Gärung durch die Beimischung von Alkohol gestoppt, bei qualitativ hochwertigen Produkten ist dies jedoch nicht der Fall. Der Ausbau erfolgt oft, aber nicht zwangsläufig, in einem dem Solera-Verfahren sehr ähnlichem Vorgang, der von den Winzern “in perpetuum” (lat.: “für immer”) genannt wird. Dabei wird der untersten Reihe der übereinander gestapelten Fässer alter, bereits gereifter Wein entnommen und abgefüllt, die entsprechende Menge durch jeweils jüngeren Wein des darüberliegenden Fasses ersetzt. In die zuoberste Fassreihe wird schließlich frischer Wein nachgefüllt. Bei dieser Vermischung und der oft mehrere Jahre dauernden Reife erhält der Marsala seinen typischen Charakter.

 

Nach Geschmacksrichtung, Farbe und Qualität wird zwischen verschiedenen Marsala-Typen unterschieden:


Oro

Dieser Typ wird ausschließlich aus weißen Rebsorten hergestellt und darf keinen Mostzusatz (Mistella) enthalten.


Ambra

Für ihn dürfen ebenfalls nur weiße Traubensorten verwendet werden, der Zusatz von eingedicktem Traubenmost ist allerdings erlaubt.


Rubino

Verwendet werden überwiegend rote Rebsorten, der Anteil weißer Sorten darf maximal 30% betragen. Der Zusatz von eingedicktem Traubenmost ist nicht erlaubt.


Vergine

Ein sehr trockener Wein mit höchstens 4 g Restzucker/Liter.


Secco

Ein trockener Wein mit höchstens 40 g Restzucker/Liter.


Abboccato/Semisecco

Ein halbtrockener Wein mit 40 bis 100 g Restzucker/Liter.


Dolce

Ein süßer Wein mit über 100 g Restzucker/Liter.


Fino

Die Reifezeit muss mindestens 1 Jahr betragen, der Alkoholgehalt 17% vol. Dieser Typ darf mit eingedicktem Traubenmost vermischt werden, wird meist durch die Abkürzung I.P. (Italia Particolare) gekennzeichnet und eignet sich überwiegend zur Zubereitung von Speisen.


Superiore

Die Reifezeit muss mindestens 2 Jahre betragen, der Alkoholgehalt 18% vol. Der Zusatz von eingedicktem Traubenmost ist zulässig. Häufig verwendete Kennzeichnungen sind L.P. (London Particular), G.B. (Garibaldi Dolce) oder S.O.M. (Superiore Old Marsala).


Superiore Riserva

Die Reifezeit muss mindestens 4 Jahre betragen, der Alkoholgehalt 18% vol. Der Zusatz von eingedicktem Traubenmost ist erlaubt.


Solera

Die Reifezeit muss mindestens 5 Jahre betragen und im Solera-Verfahren erfolgen, der Alkoholgehalt mind. 18% vol. aufweisen. Es werden ausnahmslos weiße Rebsorten verwendet. Der Zusatz von eingedicktem Traubenmost ist nicht erlaubt. Die Zugabe von Alkohol zur Unterbrechung des Gärprozesses ist verboten, der Wein ist also vollständig durchgegoren und daher meist trocken im Geschmack.


Solera Riserva/Vergine Stravecchio

Die Reifezeit muss mindestens 10 Jahre betragen und im Solera-Verfahren erfolgen, der Alkoholgehalt mind. 18% vol. aufweisen. Es werden ausschließlich weiße Rebsorten verwendet, der Zusatz von eingedicktem Traubenmost ist nicht erlaubt. Die Zugabe von Alkohol zur Unterbrechung des Gärprozesses ist verboten, der Wein ist also vollständig durchgegoren und daher meist trocken im Geschmack. Dies stellt die höchste erhältliche Marsala-Qualität dar.