Madeira

Madeira ist die geschützte Bezeichnung für mit Alkohol verstärkte (“gespritete”) Weine, die von der gleichnamigen portugiesischen Atlantikinsel Madeira stammen und nach einem festgelegten Verfahren aus vorgeschriebenen Rebsorten hergestellt werden müssen. Der Alkoholgehalt beträgt meist zwischen 17 und 21% vol. Siehe auch Marsala, Mavrodaphne, Portwein, Sherry und Südwein.


Hintergrund

Die auch als “Blumeninsel” bekannte Insel Madeira und die gleichnamige Inselgruppe im Atlantischen Ozean wurde im Jahr 1419 von den portugiesischen Seefahrern João Gonçalves Zarco, Tristão Vaz Teixeira und Bartolomeu Perestrelo entdeckt. Vermutlich waren bereits in der Antike Entdecker und Seefahrer an ihrer Küste gelandet, doch gründete keiner der Kapitäne Niederlassungen auf der Inselgruppe, sondern nutzte sie bestenfalls als Zwischenstation zum Auffüllen der Vorräte.

 

In den auf die portugiesische Entdeckung folgenden Jahren wurde die bis dahin unbewohnte und von dichtem Wald bedeckte Insel (daher auch ihr Name “Madeira”, was auf Portugiesisch “Holz” bedeutet) von portugiesischen Kolonisten besiedelt, die sich vor allem durch Brandrodung den benötigten Siedlungsraum schufen. Da vorausschauenderweise nicht die ganze Insel vollständig und rücksichtslos abgeholzt wurde, hatte die Brandrodung sogar einen positiven Nebeneffekt: Der ohnehin schon fruchtbare Vulkanboden war nun zusätzlich von mineralstoffreicher Asche bedeckt, die dem Anbau von Früchten und Gemüse ausgesprochen zuträglich war.

 

Im Jahr 1445 ließ Heinrich der Seefahrer, der Sohn des portugiesischen Königs Johann I., Malvasiareben (Malmsey) von Kreta nach Madeira einführen und die ersten Weinberge angelegen. In den Jahren darauf sorgte er außerdem für die Einführung der Sorten Bual (Boal) und Verdelho aus der Toskana, sowie Riesling (Sercial) aus Deutschland, doch wurde aus Profitgründen zunächst weitaus mehr Zuckerrohr als Wein angebaut. Erst als sich der mehr und mehr ausgelaugte Boden um 1520 herum nicht mehr für den Zuckerrohranbau eignete, pflanzte man auf den alten Zuckerfeldern vermehrt Weinreben an.

 

Für die kommenden Jahrhunderte führte der schlichte Madeira-Wein ein recht unbedeutendes Dasein und wurde fast ohne Ausnahme von den Insulanern selbst getrunken. Es existieren aber auch Hinweise darauf, dass der Inselwein schon damals den Weg in die europäischen Adelshäuser gefunden hat. So soll einer Legende zufolge der zum Tode verurteilte George Plantagenet Herzog von Clarence (1449 – 1478), der Bruder des englischen Königs Eduard IV., sich im Jahr 1478 als Todesart das Ertränken in einem Fass voll Malvasia-Wein ausgesucht haben.

 

Ab 1580 wurde Portugal nach dem Tode Heinrichs I., der ohne Nachkommen zu hinterlassen gestorben war, auf Betreiben des Habsburgerkönigs Philipp II. in Personalunion mit Spanien verbunden, d.h. bis auf weiteres vom spanischen König regiert. Erst 1668 errang das Land nach einer Reihe blutiger Aufstände, Schlachten und Gefechten zur See wieder seine endgültige Unabhängigkeit. Der Sieg über das mächtige Spanien konnte jedoch nicht ohne fremde Hilfe bewerkstelligt werden, doch gelang es, die Engländer als Verbündete zu gewinnen. Als Preis für die Waffenhilfe musste sich Portugal gegenüber der aufstrebenden Seemacht England jedoch zu einigen einschneidenden Zugeständnissen bereit erklären. Eines davon war, dass den Portugiesen fortan der Exporthandel mit Madeira- und Port-Weinen verboten wurde und stattdessen ausschließlich englischen Firmen vorbehalten blieb, woraufhin sich viele englische Familien auf der Insel Madeira und im nordportugiesischen Douro-Tal ansiedelten. Deshalb tragen noch heute viele traditionsreiche Madeira- und Port-Marken englische Namen.

 

Nach weiteren Jahrzehnten, etwa ab 1745, entstand langsam nun die Art von Wein, wie sie noch heute auf Madeira produziert wird. Ähnlich wie beim Portwein begannen die engagierten angelsächsischen Handelshäuser dem empfindlichen Wein Weinbrand oder anderen Alkohol, wie z. B. Zuckerrohrschnaps, beizumischen, um seine Haltbarkeit auf den langen Seereisen nach Europa und vor allem nach Amerika zu erhöhen und damit das Exportgeschäft erst richtig zu ermöglichen. Diese Methode führte jedoch dazu, dass der Madeira nun im Ausland weitaus höhere Absatzzahlen erzielte als im eigenen Ursprungsland, denn dort wurde er durch die Beimischung von Alkohol für den sofortigen Verzehr praktisch ungenießbar. Dieser Umstand war darauf zurückzuführen, dass das Gemisch aus Wein und Weinbrand in den Fässern auf Hoher See ständig in Bewegung war und kräftig durchgeschüttelt wurde, wodurch sich aufgrund des ausgiebigen Luftkontakts der Geschmack beträchtlich abmilderte. Darüber hinaus erwärmte sich der Wein in den stickigen Lagerräumen der Schiffe sehr stark, wenn diese tropische Regionen auf dem Weg nach Indien, in die Karibik oder nach Nordamerika durchquerten. Die Winzer von Madeira lernten sehr schnell aus diesen Erfahrungen und noch heute sind diese durch den Seetransport gemachten Erkenntnisse, die seit langem u. a. durch das “Backen” des Weines imitiert werden, die grundlegenden Prinzipien bei der Herstellung des Madeira-Weins.

 

Gerade Nordamerika und namentlich die noch jungen USA entwickelten sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts zum wichtigsten Markt für Madeira-Weine. Dies wird besonders deutlich, wenn man bedenkt, dass George Washington, der erste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, bei den Feierlichkeiten zur errungenen Unabhängigkeit am 4. Juli 1776 mit einem Glas Madeira anstoßen lies. Auch der berühmte Staatsmann Thomas Jefferson soll, wie viele Persönlichkeiten und Adlige der Zeit, ein erklärter Liebhaber erlesener Madeira-Weine gewesen sein.

 

Der sich anschließende Jahrhundertwechsel hatte einen sehr gemischten Einfluss auf die portugiesischen Winzer. Einerseits wurde den Portugiesen durch die gegen Napoleon und seine Verbündeten verhängte Kontinentalsperre eine Art Monopolstellung für den britischen Markt zuteil, andererseits geriet nach dem Sieg über Frankreich der gesamte Kontinent in eine wirtschaftliche Depression. Die Reblausplage, die sich ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erstmals in europäischen Weinbergen bemerkbar machte, vernichtete zudem auch fernab des Festlands viele Rebbestände und erreichte letztlich auch die Atlantikinsel Madeira. In der Folge verließen ab 1852 viele Insulaner, die ihre Existenzgrundlage durch den Schädling verloren hatten, ihre Heimat. Umfangreiche Gegenmaßnahmen gegen den Reblausbefall, insbesondere die Aufpfropfung der Stöcke auf resistente amerikanischen Wurzeln, zeigten zwar bald Wirkung, doch erschütterten weitere internationale Krisen das Geschäft mit dem Inselwein: Der US-Bürgerkrieg (1861 – 1865) und die Eröffnung des Suez-Kanals (1869), wodurch Schiffe auf dem Weg nach Asien nun nicht mehr zwangsläufig an der Insel Madeira vorbeifuhren, waren die maßgeblichsten Faktoren, die den Niedergang des Südweins einleiteten. Um 1900 war neben dem britischen praktisch nur noch der russische Markt von Bedeutung.

 

In den Jahrzehnten danach änderte sich die Gewichtung erneut gleich mehrfach. Während vor dem Ersten Weltkrieg Deutschland als Abnehmerland immer wichtiger geworden war, änderte sich dies schon im Verlauf der Zwischenkriegszeit zugunsten der skandinavischen Länder. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war vorwiegend durch die Bemühungen der Winzer sowie des portugiesischen Staates gekennzeichnet, die Qualität der auf Madeira produzierten Weine deutlich zu verbessern.

           

Praktisch alle Winzer der Insel Madeira betreiben heutzutage nicht nur Weinbau, sondern pflanzen auch andere Früchte und Gemüse an. Anders als in anderen Weinregionen der Welt besitzen die Madeirawein-produzierenden Firmen bis auf wenige Ausnahmen kaum eigene Weinberge, sondern kaufen stattdessen die benötigten Trauben von den Bauern.

 

Obwohl der Madeira zweifellos ein qualitativ hochwertiges Produkt und ein Wein mit eigenem Charakter und besonderer Seele ist, so fristet er doch auch (oder ganz besonders) in der heutigen Zeit ein wenig beachtetes Dasein und wird überwiegend von Liebhabern geschätzt und genossen. Leider haftet ihm immer noch das unbegründete Vorurteil an, ein Getränk für alte englische Ladies oder verstaubte Herren zu sein, doch hat er durchaus begründete Ansprüche, zu den edlen Spezialitäten der Welt gezählt zu werden. 


Die Region

Die Insel Madeira liegt etwa 900 km vom Mutterland Portugal und 650 km von der marokkanischen Küste entfernt inmitten des Atlantischen Ozeans. Sie ist vulkanischen Ursprungs und äußerst gebirgig. Der größte Berg, der Pico Ruivo, hat eine Höhe von 1.862 m. Für das günstige Klima der Insel mit einer Durchschnittstemperatur von 20°C ist vor allem der warme Golfstrom verantwortlich, der in Kombination mit den fruchtbaren Vulkanböden besonders günstige Voraussetzungen für den Anbau von Gemüse, Früchten und Wein schafft.

 

Die in Terrassenform angelegten Weinberge reichen bis  in   eine   Höhe  von   800 m   über   dem Meeresspiegel. Das bergige Terrain macht die Anlage größerer Weinfelder praktisch unmöglich - das größte zusammenhängende Weingebiet umfasst gerade einmal 10 ha - und verhindert die Nutzung von Maschinen. Weinbau, d. h. Pflege der Reben und Ernte der Trauben, ist auf Madeira also fast ausschließlich Handarbeit und die kleinen Parzellen, die zusammengenommen eine Anbaufläche von rund 2.100 ha ergeben, ermöglichen die Produktion von ca. 4 Mio. Liter Madeira-Wein im Jahr.  Doch    stellt   dies   nur   etwa   1/3 des auf Madeira produzierten Weins dar, der größere Teil landet als einfacher Tafelwein auf den Tischen der Inselbewohner.




Herstellung

Die zur Herstellung von Madeira zugelassenen Rebsorten sind zunächst einmal: Sercial, Verdelho, Boal (Bual) und Malvasia (Malvazia, Malmsey), die auch “die Noblen” genannt werden. Weiterhin erlaubt sind die Sorten Bastardo, Terrantez, Moscatel, Listrao und Tinta Negra Mole. Letztere ist eine Kreuzung aus Pinot Noir und Grenache und hat einen Anteil von etwa 60% an allen auf Madeira angebauten Rebsorten. Dies ist dadurch zu begründen, dass sie die ungewöhnliche Eigenschaft besitzt, ihren Zuckergehalt je nach Höhenlage, in der sie angebaut wird, anzupassen und dadurch die anderen Rebsorten gewissermaßen zu imitieren. Bastardo und Tinta Negra Mole sind die einzigen roten Rebsorten, alle anderen sind weiß.

 

Nach der Lese von Mitte August bis Mitte Oktober werden die Trauben eingemaischt und der Traubensaft (bisweilen auch die komplette Maische; eine Mischung aus vergorenem Most und vergorener Maische nennt man “Bica Aberta”) in 500-l-Tanks gepumpt und vergoren. Im nächsten Schritt wird dem Most Alkohol zugesetzt, zumeist Weinbrand, wodurch die Gärung gestoppt oder verlangsamt wird. Bei süßen Madeira-Sorten wird der Alkohol früher zugegeben, wodurch mehr Restzucker erhalten bleibt, bei trockenen später oder erst nach abgeschlossener Gärung. Dieses Wein-Weinbrand-Gemisch lässt man nun führ mehrere Monate ruhen. Danach wird der Wein für mindestens 90 Tage auf maximal 55°C erwärmt, um den Wein zu backen und gewissermaßen die einstmalige Seefahrt durch tropische Regionen zu imitieren, was der strengen Kontrolle der Behörden (IVM = Instituto do Vinho Madeira) unterliegt. Der Backvorgang geschieht heute überwiegend nach der Estufagem-Methode, wobei der Wein in großen Stahl- oder Betontanks lagert, die von einem Warm-Wasser-Rohrsystem durchzogen werden. Dagegen wird das ältere Canteiro-Verfahren hauptsächlich bei älteren und höherwertigen Weinen angewandt. Hierbei wird der Madeira in Holzfässer gefüllt, die auf Speichern (Adegas) eingelagert und so von den einfallenden Sonnenstrahlen erhitzt werden. Bei diesem Verfahren gibt es keine Vorschriften bezüglich der Mindestlagerzeit, auch die Temperatur lässt sich naturgemäß nur ungenau kontrollieren.

 

Durch dieses “Backen”, ganz gleich nach welchem Verfahren es nun vorgenommen wird, wird ein Teil des im Wein enthaltenen Zuckers karamellisiert, was für seinen unverwechselbaren Geschmack verantwortlich ist und zusätzlich die Haltbarkeit erhöht. Danach lagert der Wein für mindestens 3 Jahre in Holzfässern und erst während dieser Zeit wird entschieden, welches Fass für welche Reifedauer geeignet ist, oder ob daraus ein Vintage-(Jahrgangs-)Wein entstehen soll. Während der Reife verliert der Madeira jährlich bis zu 4% seines Volumens, wodurch er konzentrierter und komplexer wird und darüber hinaus oxidiert und sich seine Haltbarkeit weiter verlängert. Die Reifezeit und der Ausbau, der oftmals - aber nicht zwangsläufig - im Solera-Verfahren, das auch für Sherry und spanischen Brandy Verwendung findet, vorgenommen wird, können viele Jahre dauern. Es werden sowohl verschiedene Rebsorten, zumeist eine der vier “noblen” in Kombination mit Tinta Negra Mole, als auch unterschiedliche Jahrgänge (Ausnahme: Vintages) miteinander verschnitten. Nach dem Verschneiden und der Zugabe von Weinbrand, um den endgültigen Alkoholgehalt festzulegen, wird der Madeira in Flaschen abgefüllt, wo er auch weiterhin unbegrenzt weiterreift und in der Qualität weiter steigt.

 

Madeira-Weine, die einen Anteil von 15% und mehr an Tinta Negra Mole enthalten, werden auf dem Etikett ausschließlich nach ihrem Restzuckergehalt gekennzeichnet: Dry, medium-dry, medium-sweet, sweet o. ä. Ist der Anteil an Tinta Negra Mole bei einem mindestens 5 Jahre gereiften Verschnitt kleiner als 15%, trägt er auf dem Etikett den Namen seiner “noblen” Rebsorte:


Sercial (Cerceal)

Eine ursprünglich aus Deutschland eingeführte Riesling-Traube, die auf den höchsten Terrassen in bis zu 800 m wächst und am spätesten geerntet wird. Die Erträge sind klein, die Qualität umso höher. Sercial-Weine sind immer trocken und aufgrund des hohen Säuregehalts erst nach langen Reifejahren genießbar. Man trinkt sie stets gut gekühlt.


Verdelho (Gouveio)

Sie wächst in Höhen von bis zu 400 m und bringt einen halbtrockenen Wein hervor, der am besten gekühlt genossen wird.


Bual (Boal)

Sie wird in Höhen bis 300 m angebaut und zu Beginn der Weinlese ab Mitte August geerntet. Bual-Weine sind halbsüß, nicht zu herb und werden ungekühlt aber nicht zu warm getrunken.


Malvasia (Malvazia/Malmsey)

Diese Sorte wird in den niedrigsten Lagen bis 200 m angebaut und bringt den wichtigsten, bekanntesten und süßesten Madeira-Wein hervor. Von der Insel Kreta stammend, war sie die erste auf Madeira angepflanzte Rebsorte.

 

 

Diese Sorten dürfen die Insel nur in Flaschen verlassen, niemals in Fässern oder Tanks. Die Vintages, also Jahrgangsweine, werden meist aus verschiedenen Rebsorten eines einzigen Jahrgangs hergestellt und reifen mindestens 20 Jahre in Eichenholzfässern und danach für weitere 2 Jahre in der Flasche. Ähnlich verhält es sich mit den Colheitas , die ebenfalls nur aus einem einzigen Jahrgang bestehen, jedoch nur 6 bis 10 Jahre reifen. Ist der jüngste Wein eines Verschnitts mindestens 5 Jahre alt, darf die Bezeichnung “Reserve” verwendet werden, ist er wenigstens 10 Jahre gereift, gilt die Bezeichnung “Special Reserve”. Madeira-Weine haben meist einen Alkoholgehalt zwischen 17 und 21% vol.