Leseprobe: Wie man mit Trinkgeld ein Vermögen aufbaut

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

 

 

Teil I

Mehr als nur eine nette Geste und wie man mehr davon bekommt: Das Trinkgeld

 

Das Geld zum Vertrinken

 

 

Andere Länder, anderes Tippen

Deutschland und Österreich

England, Irland, Schottland

Niederlande

Spanien

Italien

Frankreich

Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland

Schweiz

USA

Russland

China

Japan

 

 

30 Tipps für mehr Trinkgeld

                    1. Sei freundlich
                    2. Sei attraktiv
                    3. Sei kompetent
                    4. Allet schnieke
                    5. Beraten und abraten
                    6. Verkaufen, verkaufen, verkaufen!
                    7. Nichts ist unmöglich
                    8. Sei aufmerksam
                    9. Erinnere Dich
                    10.  Lauf nicht weg
                    11. Die Kellnerfliege
                    12. Geschenke erweichen das Herz
                    13. Sei vorbereitet
                    14. Ich schau dir in die Augen, Kleines
                    15. Imitiere den Gast
                    16. Sprich mir nach
                    17. Das Ja-Nicken
                    18. Geh auf Tuchfühlung
                    19. Sorge für Überraschung
                    20. Timing ist alles
                    21. Sei kosmopolitisch
                    22. Es ist klein und wuselig
                    23. „Hi, ich bin der Kevin.“
                    24. Frei von der Leber weg
                    25. Der Groschentrick
                    26. Gib den Gästen Trinkgeld
                    27. Sei frech
                    28. Tip is not included
                    29. Ein krasser Schuppen
                    30. Der Abschiedsbrief

 

 

Einige rechtliche Dinge

Muss ich mein Trinkgeld mit meinen Kollegen teilen?

Darf mein Chef einen Teil des Trinkgelds einbehalten?

Kann mein Chef die Trinkgelder sammeln und z. B. am Ende des Monats nach eigenem Ermessen an die Angestellten verteilen?

Muss ich mein Trinkgeld versteuern?

 

 

Teil II

Wie aus mehr noch mehr wird: Trinkgelder sinnvoll verwenden

 

Die klassischen Formen des Sparens

Eine Grundregel: Mehr einnehmen als ausgeben

Ein Wunder des Kapitalismus: Der Zinseszinseffekt

 

 

Investitionsmöglichkeiten für Jedermann

P2P-Kredite

Crowdinvesting

ETF‘s

Aktien

 

 

Diversifizieren, diversifizieren, diversifizieren!

Vergessen Sie den Fiskus nicht

 

 

Schlusswort

Vorwort

Wenn Sie dieses Buch gekauft haben, dann arbeiten Sie vermutlich selbst als Kellner in irgendeinem Gourmettempel oder beglücken mit Ihren Mixkünsten ein ausgehfreudiges Publikum in irgendeiner Bar. Sodann ist es nur natürlich, wenn Sie sich für die möglicherweise wichtigste Einkommensquelle in Ihrem Berufsleben interessieren und nach Tipps und Tricks Ausschau halten, wie sich diese Quelle ergiebiger zum Sprudeln bringen lässt. Denn auch wenn das Trinkgeld in aller Regel noch immer eine freiwillige Gabe ist, so gibt es doch zahlreiche Mittel und Wege die Geber dazu zu animieren, etwas tiefer in die Tasche zu greifen als sie dies üblicherweise vielleicht tun würden. Wie immer, wenn man es mit Menschen zu tun hat, spielt dabei Psychologie eine große Rolle und mit den richtigen psychologischen Kniffen lässt sich auch in diesem Zusammenhang vieles erreichen. Selbstverständlich wird nicht jede Vorgehensweise bei jedermann gleich gut funktionieren, manch einer erweist sich gar als immun gegen jedweden diesbezüglichen Manipulationsversuch. Doch unter dem Strich werden Sie schon bald feststellen, dass sich nach der Lektüre dieses Buches Ihr durchschnittliches Trinkgeldaufkommen deutlich erhöhen wird.

Sein Einkommen kurzfristig mit Hilfe von einigen simplen Regeln zu steigern ist zwar schön und gut, darüber hinaus möchte ich Ihnen aber außerdem zeigen, wie Sie die zusätzlich generierten Monetas sinnvollerweise verwenden sollten, um Ihr Geld weiter zu vermehren. Die übliche Vorgehensweise von gastronomischem Personal besteht nämlich darin, den Verwendungszweck des Trinkgeldes wortwörtlich und unverzüglich in die Tat umzusetzen: Kaum hat man den eigenen Arbeitsplatz verlassen, geht es auch schon schnurstracks in die Bar um die Ecke, wo ein guter Teil des hart erarbeiteten Trinkgelds vertrunken und direkt an den nächsten Glücklichen weitergereicht wird – der es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht viel anders damit halten wird. Personal von in der Nähe liegenden Lokalen zählte ich stets zu  meinen bevorzugten Gästen, denn zwar ließ das Benehmen in einigen Fällen zu wünschen übrig (wer den ganzen Abend vornehm tun und sich zusammenreißen muss, lässt hinterher gerne Mal die Sau raus), aber dafür saß das Portemonnaie besonders locker an der Hüfte. Einerseits habe ich durch diesen Umstand viel Geld an meinen Berufsgenossen verdient, andererseits empfand ich dieses Verhalten aber als äußerst unvernünftig und nichts lag mir je ferner als meine mühsam gefüllten Taschen in gleicher Weise innerhalb kürzester Zeit wieder zu entleeren.

Eines haben Gastronomen wie auch Menschen aus anderen Berufen gemeinsam, erschreckend viele können nicht sonderlich gut mit Geld umgehen und passen ihre Ausgaben umgehend ihren Einnahmen an, weshalb auch nach einer Gehaltserhöhung am Ende eines Monats nicht mehr übrig bleibt als zuvor. Das ist der Grund, warum es im Laufe seines Lebens kaum einem Angehörigen der Mittelschicht gelingt ein Vermögen aufzubauen und auch längerfristig zu behalten, und es ist auch die Erklärung dafür, wie es frischgebackenen Lottomillionären doch tatsächlich gelingen kann, ihren Gewinn innerhalb weniger Jahre auf den Kopf zu hauen und letztlich wieder mit Löchern in den Taschen und noch dazu ohne Freunde dazustehen.

Aus diesem Grund ist das Buch in zwei Teile gegliedert. In Teil I lernen Sie, wie Sie Ihr durchschnittliches Trinkgeld praktisch und innerhalb kürzester Zeit erhöhen können; die dort angeführten Tipps und Tricks können Sie sofort umsetzen und damit Ihre Einnahmen schon während Ihrer nächsten Schicht steigern. Teil II ist hingegen etwas umfangreicher und auch komplexer; mit vielem, das dort behandelt wird, mögen Sie sich vielleicht noch nie in Ihrem Leben beschäftigt haben. Lassen Sie sich davon aber nicht entmutigen, denn all das ist nun wirklich kein Hexenwerk und schlimmstenfalls dann ein wenig kompliziert, wenn man zum allerersten Mal davon hört. Das einzige Rüstzeug, das Sie hierfür mitbringen müssen, ist Geduld sowie die Bereitschaft sich ein wenig weiterzubilden.

Alles, was dieses Buch enthält, habe ich mir selbst im Verlauf mehrerer Jahre angeeignet. Einiges davon lernte ich recht schnell, andere Erkenntnisse ließen jedoch leider etwas länger auf sich warten. Gerade was die Themen des zweiten Teils angeht bin ich zu meinem eigenen Bedauern erst vergleichsweise spät hinter viele Dinge gekommen. Niemand hat mir zum Thema Finanzen je einen sinnvollen Ratschlag erteilt, in meinem privaten Umkreis gab es nie Geld oder andere Vermögenswerte und damit auch niemanden, der hierüber sonderlich gut Bescheid gewusst hätte. Ich musste erst durch puren Zufall auf das eine oder andere Buch stoßen, das mir wiederum den Weg zu einem weiteren Buch wies usw. So führte eins zum anderen und der Groschen fiel zwar etwas verspätet, aber immerhin fiel er dennoch und versetzte mich so schließlich in die Lage, meine übrigen Groschen mit gesteigerter Effizienz zu vermehren.

Ich weiß, dass es vielen Menschen wie mir geht: sie kommen aus „normalen“ Verhältnissen und beschreiten den üblichen Weg eines Angestellten; sie arbeiten ihr Leben lang für andere, gönnen sich einmal im Jahr einen kleinen Urlaub und hoffen darauf, dass am Ende die Rente wenigstens zur Aufrechterhaltung des gewohnten Standards reichen wird. Diesen sogenannten normalen Werdegang empfinde ich schon lange als überaus frustrierend, tatsächlich halte ich ihn sogar für sehr traurig. Daran, dass dennoch viele Millionen diesen Weg jeden Tag aufs Neue unbeirrt beschreiten, ist allerdings weniger das System schuld, in dem wir leben. Schuld ist unser eigener Mangel an Wissen darüber, wie dieses System überhaupt funktioniert. Wir werden hierauf ganz einfach nicht vorbereitet. Dieses Buch soll Ihnen aus diesem Grund nicht einfach nur dabei helfen, am Ende des Monats mehr Geld in der Tasche zu haben, es soll Ihnen Möglichkeiten aufzeigen, wie Sie den Trott durchbrechen und das System für Ihre Zwecke nutzen können.

Zum Schluss wartet auf Sie noch ein Link mit Buchempfehlungen, die ich Ihnen dringend nahelegen möchte. Es handelt sich dabei sämtlich um Werke, die mich auf meinem Weg zur finanziellen Erkenntnis unglaublich vorangebracht haben. Lesen Sie die dort aufgelisteten Bücher auch dann, wenn Sie sich eher zu den lesefaulen Gesellen zählen, denn es geht dabei nicht um „Feuchtgebiete Teil III“ oder „Harry Potter Band 21“, es geht um Ihr eigenes Geld. Auch wenn Sie nur einen winzigen Teil des Erlernten umsetzen wollen, so verspreche ich Ihnen dennoch, dass es eine Bereicherung für Sie sein wird - und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

 

 

 

 

 

Thomas Majhen, Berlin 27.01.2018

Teil I - Mehr als nur eine nette Geste und wie man mehr davon bekommt: Das Trinkgeld

Das Geld zum Vertrinken

Das Trinkgeld existiert laut schriftlichen Überlieferungen in Deutschland spätestens seit dem 14. Jahrhundert. Damals handelte es sich um eine Art außerhalb der Vereinbarung stehender, zusätzlicher Geldleistung, die man den Angehörigen miserabel bezahlter Berufe, darunter Handwerker, Fuhrleute und auch so manchen Beamten (!), entgegenbrachte. Einerseits konnte man mit dem Trinkgeld seine Zufriedenheit mit dem geleisteten Dienst ausdrücken, andererseits half es aber auch, die damals noch um einiges schwerfälligere Bürokratie zu schmieren. Man kann es also durchaus auch als eine Art Bestechungsgeld ansehen, mit dessen Hilfe sich so manche Angelegenheit beschleunigen ließ oder Mitwisser zum Schweigen gebracht werden konnten. Der berühmte Freiherr Adolph von Knigge (1752 – 1796) bezeichnete das Trinkgeld daher auch - deutlich vorsichtiger ausgedrückt - als eine „selbstverständliche Möglichkeit, Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu schaffen“. Es diente dabei wörtlich zum „Vertrinken“ und wurde deshalb mancherorts auch „Biergeld“ genannt. Was den Wortlaut aber auch den Sinn und Zweck des Trinkgelds angeht, scheint sich seit über 600 Jahren also nicht allzu viel verändert zu haben, denn viele Gastronomen versaufen mit beharrlicher Regelmäßigkeit einen Großteil ihres sauer verdienten Tips.

Darüber hinaus wurde es allerdings zeitweise auch genutzt, um weibliche Bedienungen zu mehr als nur dem Servieren von Getränken zu animieren. Das Trinkgeld stand also auch schon einmal im Verruf, die Prostitution zu fördern, weshalb im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert sogar ein Verbot angestrebt wurde. Das allerdings ließ sich nicht durchsetzen, da es sich schon immer um eine freiwillige Leistung gehandelt hatte, die zwar üblich aber keinesfalls vorgeschrieben war.

Natürlich hat sich nicht nur in Deutschland ab dem Mittelalter eine Kultur des Trinkgeldgebens herausgebildet, in sehr vielen Ländern existiert eine ähnliche, zum Teil sogar ältere Tradition. Über die Herkunft des dem Englischen entstammenden und auch bei uns mittlerweile gerne verwendeten Wortes „Tip“ wird allerdings noch immer gestritten. Möglicherweise wurde es der im 17. Jahrhundert gebräuchlichen Gangstersprache entnommen, wo „to tip“ im Sinne von „weiterleiten“ oder „weitergeben“ verwendet wurde, wenn also Schmiergelder oder ähnliches im Spiel waren. Ob das Wort „Tip“ hingegen ursprünglich tatsächlich als Abkürzung für „to improve promptitude“ (zu Deutsch „zur Steigerung der Schnelligkeit“) entstanden ist, darf angezweifelt werden. Sicher ist jedenfalls, dass es seit Anfang des 18. Jahrhunderts im Sinne von „Trinkgeld“ bzw. „Trinkgeld geben“ in England gebräuchlich ist und seit wenigen Jahrzenten auch bei uns Einzug gehalten hat.

Zu den Empfängern von Trinkgeld lassen sich Beamte oder andere Staatsbedienstete in aller Regel schon längst nicht mehr zählen (bei Bestechungsgeldern bin ich mir da allerdings nicht so sicher). Neben Taxifahrern und unter Umständen noch Handwerkern zählen vor allem die Angestellten des Gastgewerbes zu den Hauptnutznießern. Es ließe sich auch kaum auf andere Weise Nachwuchs für die Branche gewinnen, denn wie schon der berühmte Bartender Harry Johnson im 19. Jahrhundert wusste, sind die Gewinnspannen in der Gastronomie einfach zu niedrig um den Angestellten ein hohes Gehalt bezahlen zu können. Das liegt zu einem guten Teil am Staat, der es den Restaurantbetreibern in vielen Bereichen nicht gerade einfach macht, hat aber auch mit den teils äußerst hohen Betriebskosten und dem enormen Konkurrenzdruck zu tun, der gerade in der Gastronomie besonders hoch ist.

Restaurants gibt es wie Sand am Meer, unter anderem auch deshalb, weil sich der Volksglaube, das sei nicht schwer und könne jeder, seit vielen Jahren hartnäckig hält. Die laufenden Kosten werden dabei gerne unterschätzt, zudem gibt es in kaum einer anderen Branche einen derart gnadenlosen Konkurrenzkampf. Während sich die wenigen großen Konzerne der Autobauer, Energieriesen und Pharmaindustrien auch schon mal gerne untereinander einigen, sich über Absatzmärkte und Verkaufspreise absprechen und auf diese Weise praktisch die Konkurrenz zwischen ihnen ausgeschaltet wird, ist eine solche Vorgehensweise in der Gastronomie eher selten anzutreffen. Hier kämpft jeder für sich allein und die Masse der Gegenspieler ist geradezu einschüchternd. Gerade mit dem Verkauf von Speisen ist schon längst kaum mehr ein vernünftiger Gewinn zu erwirtschaften und so ist es nur natürlich, wenn von Seiten der Inhaber stets versucht wird, die Gehälter der Angestellten so weit wie möglich zu drücken. Deshalb kommt dem Trinkgeld eine derart große Bedeutung zu, nicht nur im Leben von Kellnern und Barmännern, sondern in leicht abgeschwächter Form auch in demjenigen von Köchen, Spülern und Zimmermädchen.

Sehr oft entspricht es den Tatsachen, dass die Höhe des regelmäßigen Trinkgeldes der des Gehalts gleichkommt oder es in nicht wenigen Fällen sogar deutlich übertrifft. Es stellt also eine bedeutende Einkommensquelle für die meisten Gastronomiemitarbeiter dar, das zwar in seinem Aufkommen sehr stark schwanken kann, sich dafür aber mit einigen Tipps und Tricks recht einfach beeinflussen lässt. Eben darin liegt einer der Vorteile des Trinkgelds begründet, denn es lässt sich tatsächlich aktiv steigern und ist zudem in der Regel dem Zugriff des Staates entzogen. Auf der anderen Seite führt dies aber eben auch dazu, dass man vieles falsch machen kann, im Falle von Krankheit oder Urlaub kaum die regelmäßigen Unkosten decken kann und bei Erreichen des Rentenalters voraussichtlich auf die Grundsicherung angewiesen sein wird. Trinkgeldempfänger zu sein ist also eine heikle Angelegenheit, mit der man erst einmal umzugehen lernen muss, denn sie erfordert Umsicht und vorausschauendes Handeln.

Wie aber sehen die deutschen Gäste die Sache mit dem Trinkgeld, für die es meist eine eher abstrakte Angelegenheit darstellt? Würden sie gerne weniger geben oder es gar abschaffen wollen? Hier die Ergebnisse einer Umfrage des Online-Reservierungs-Service Bookatable by Michelin aus dem Jahr 2017, bei der 670 Gäste aus dem deutschsprachigen Raum befragt wurden:

 

 

Ich gebe nur ungern oder nie Trinkgeld.

11 %

Aufgrund der schlechten Bezahlung in der Branche gebe ich etwas Trinkgeld bzw. runde auf.

34 %

Guter Service und gute Qualität müssen auch honoriert werden.

55 %

Am liebsten würde ich das Trinkgeld einfach beim Verlassen des Lokals auf dem Tisch liegen lassen.

15 %

Mir wäre es lieber, wenn das Trinkgeld bereits in den Preisen inbegriffen wäre und ich mir darüber keine Gedanken mehr zu machen brauchte.

12 %

 

Quelle: Bookatable by Michelin

 

               

Glücklicherweise lassen diese Zahlen erkennen, dass die meisten Menschen noch immer gerne Trinkgeld geben, sofern sie mit dem Besuch im Restaurant oder der Bar zufrieden waren. Es lässt sich aber auch eine gewisse Unsicherheit herauslesen, denn viele tun sich schwer mit dem Trinkgeld, wissen nicht wie viel sie nun geben sollen oder kommen sich gar blöd dabei vor. Wer noch nie in der Branche gearbeitet hat, der kann auch kaum wissen, welche enorme Bedeutung es für uns hat. Sprüche wie „In meinem Beruf bekomme ich ja auch kein Trinkgeld“ oder „Die Preise sind auch so schon hoch genug“ dürften da kaum mehr jemanden überraschen.

Seit Jahren höre ich von Kollegen immer wieder die Beschwerde, dass die Trinkgeldmoral der Gäste abnehmen würde, es käme immer weniger dabei rum. Ich höre dieses Gejammer nun schon so lange, mittlerweile müssten wir eigentlich längst bei Null angekommen sein oder sogar draufzahlen. Meiner Meinung nach ist das nichts weiter als unbegründetes Frustablassen, über die Jahre ist das Trinkgeldaufkommen wohl in etwa gleich geblieben. Im Gegensatz zu den meisten meiner Berufsgenossen notiere ich täglich mit wie viel Trinkgeld ich nach Hause gehe, ich besitze also einen recht zuverlässigen Überblick darüber.  Wer dies versäumt, lässt sich wohl verhältnismäßig stark von „schlechten Tagen“ beeindrucken, die es selbstverständlich immer wieder einmal gibt. Entscheidend ist jedoch der monatliche bzw. jährliche Durchschnitt, und der zeigt sich auch von geplatzten Immobilienblasen, Finanzkrisen und Griechenlandrettungen recht unbeeindruckt. Ich werde später noch einmal darauf zurückkommen, doch möchte ich Ihnen schon jetzt empfehlen, es mir gleichzutun und sich Ihr Trinkgeld täglich aufzuschreiben. Wer sich zudem den dazugehörigen Umsatz notiert, der kann sich durch Errechnen des durchschnittlichen Prozentsatzes weitere Klarheit über sein Abschneiden verschaffen.

 

Vergessen Sie nicht, es geht in diesem Buch darum, Ihr Trinkgeld durch zweierlei Weise zu vermehren, durch eine Steigerung der Quote selbst und durch eine sinnvolle Verwendung des gesteigerten Zuflusses. Ich fordere Sie auf, das Trinkgeld endlich über die ursprüngliche Bedeutung des Wortes zu erheben und mehr damit anzustellen als es nur zu vertrinken. Lassen Sie das „Biergeld“ des Mittelalters hinter sich und erreichen Sie das Zeitalter des Kapitalismus.

Andere Länder, anderes Tippen

Bevor wir nun zu den heißersehnten Tipps zur Auspolsterung der Geldbörse kommen, möchte ich zuvor noch eine Übersicht über die Trinkgeldkulturen einiger Länder ausarbeiten. Ich habe mich hierzu keiner wissenschaftlicher Methoden bedient oder langjährige Studien durchgeführt. Es handelt sich vornehmlich um eigene Erfahrungswerte, die Sie vielleicht bestätigen können, es ist aber auch genauso gut möglich, dass Sie gänzlich andere Erfahrungen gemacht haben und nicht in allen Einzelheiten mit mir übereinstimmen. Jedenfalls habe ich gerade in Bezug auf die Prozentangaben auch die Internetseiten der landesspezifischen Tourismusbehörden genutzt, die hierüber wichtigen Aufschluss geben und mir als Referenzquelle gedient haben.

Deutschland und Österreich

Hierzulande und auch in Österreich ist es seit längerem üblich zwischen 5 und 10 % des Rechnungsbetrages als Trinkgeld zu veranschlagen. Die Höhe richtet sich dabei einerseits nach der Höhe der Rechnung (je höher diese ausfällt, desto geringer der Prozentsatz des Trinkgeldes), andererseits aber natürlich auch nach der Zufriedenheit des Gastes. Überhaupt kein Trinkgeld zu geben ist selbstverständlich immer dann möglich, wenn der Service oder die Qualität der Speisen oder Getränke miserabel waren, der Kellner bzw. Bartender Ihre Frau angebaggert hat oder aber Ihre Piña Colada mit sauer gewordener Sahne, einigen Fruchtfliegen on Top und einem dicken roten Lippenstiftabdruck am Glasrand serviert wurde. In diesem Fall sollten Sie aber stets bedenken, dass gerade ein Kellner mit der Güte der zubereiteten Speisen und Getränke nur sehr selten auch direkt etwas zu tun hat und daher auch für evtl. Missstände diesbezüglich nicht verantwortlich gemacht werden sollte. War bspw. der Service gut aber das Essen schlecht, halten Sie mit Ihrer Kritik nicht hinter dem Berg und stellen Sie klar, dass Ihr Trinkgeld ausdrücklich dem Kellner zukommen soll. War hingegen alles in Ordnung und Sie geben dennoch gar kein oder nur ausgesprochen wenig Trinkgeld, beweisen Sie damit nur, dass Sie entweder geizig oder ignorant sind. Mit Unwissenheit kann sich hierzulande schon lange kein Pappenheimer mehr billig davonschleichen.

 

Allerdings bestehen in Deutschland auch zum Teil gravierende regionale Unterschiede beim Geben von Trinkgeld. Denn so hinterlassen gerade Mitbürger aus den neuen Bundesländer (kann man nach bald 30 Jahren noch von „neu“ sprechen?) unterdurchschnittlich wenig bis gar kein Trinkgeld – was bis heute vielleicht den einen oder anderen Kellner zur Flucht in den Westen veranlasst haben mag.

England, Irland, Schottland

Ähnlich wie in Deutschland ist ein Trinkgeld (engl.: „Tip“) von rund 10 % der Rechnungssumme üblich. Allerdings gibt es einige Abweichungen: In Pubs bestellt man als Gast seine Getränke im Regelfall direkt am Tresen und trägt den Stoff auch selbst zum Tisch. Daher ist in Kneipen ein Trinkgeld eher der Ausnahmefall. Anders ist die Situation im Restaurant oder ganz allgemein in Lokalen mit Bedienung. Hier sollte man sich wiederum an die 10%-Regel halten, wobei einige Restaurants freundlicherweise schon von Haus aus 10 bis 15 % auf die Rechnungssumme aufschlagen, was durchaus erlaubt ist. Sodann kann man sich als Gast allerdings jedes weitere Trinkgeld sparen. Übrigens ist dieser Kniff auch in Deutschland möglich, doch müssen dann auch noch Steuern auf dieses Zwangstrinkgeld abgeführt werden. Es sollte also nicht mehr länger verwundern, wenn englische Gäste ihre Getränke an der Theke bestellen, so lange in wartender Position verharren bis diese kredenzt sind, sofort bezahlen und freundlich lächelnd keinen müden Heller auf dem zerkratzten Tresen hinterlassen.

 

Auch die Iren gelten wie ihre englischen Nachbarn nicht gerade als maßvolle oder stille Zecher, in dieser Hinsicht unterscheiden sie sich kaum von den anderen Bewohnern der Inseln. Immerhin sind sie meist zugänglicher und eher bereit ein paar Kröten für den Bartender springen zu lassen. Schotten trinken ebenfalls gerne und viel, doch geht dies in aller Regel deutlich ruhiger und gesitteter vonstatten, als bei Engländern und Iren. Allerdings führt ihr ausgeprägter Nationalstolz dazu, dass sie sich auch im Ausland ausgesprochen konservativ verhalten: getrunken wird mit besonderer Vorliebe Whisky aus der verregneten Heimat. Immerhin konnte ich den sprichwörtlichen schottischen Geiz bislang noch nicht feststellen.

Niederlande

Auch die Niederlande warten mit einer Trinkgeldgewohnheit von 5 bis 10 % auf. Neben der Mehrwertsteuer ist in der Rechnung oft noch ein Bearbeitungsaufschlag enthalten, der allerdings dem Inhaber nicht jedoch dem Personal zugutekommt. An diese hervorragende Ausrede sollten Sie sich erinnern, wenn Sie die Rad fahrenden Käsemauken im Nordwesten einmal zur Zelebrierung eines ausgiebigen Kifferwochenendes mit den Kumpels besuchen möchten. Denn von niederländischen Touristen erhält man hierzulande fast nie auch nur den kleinsten Obolus. Gut möglich also, dass es sich in vielen Fällen schlicht um Nachbarschaftsliebe handelt.

Spanien

Die Gewohnheiten der Iberischen Halbinsel in Bezug auf Trinkgeld (span.: „Propina“) entsprechen überraschenderweise weitgehend denjenigen in Deutschland - mit dem kleinen Unterschied, dass man sich das Wechselgeld zunächst herausgeben und sodann einige Dukaten auf Tisch oder Tresen liegen lässt; ein „stimmt so“ kennen die Spanier nicht. Wer hätte das gedacht? Gelten die Iberer bei uns doch als die mitunter knausrigsten Gäste überhaupt, denen man beim Verlassen des Lokals nicht einmal mehr ein „Adios“ gönnen möchte, sich stattdessen aber ein wutentbranntes „Vete al infierno!“ (span.: „Fahr zur Hölle!“) verkneifen muss.

 

Kaum einem anderen europäischen Volk begegnet man in Berlin seit einigen Jahren so häufig wie den Gin-Tonic liebenden Iberern. Vielleicht ist es dieselbe Abenteuerlust, die sie schon vor Jahrhunderten ausziehen ließ, um fremde Kontinente zu entdecken und die Städte der Azteken und Inkas zu plündern. Ein ähnliches Schicksal wie dem alten Tenochtitlán droht Berlin dabei immerhin nicht, schlimmstenfalls die hiesigen Gin-Reserven müssen hinterher dringend wieder aufgestockt werden. Doch wer an das Ausbeuten von präkolumbianischen Zivilisationen gewöhnt ist, der kann sich offenbar auch nach Jahrhunderten nur schwer mit dem Gedanken des Gebens anfreunden.

Italien

Die Italiener kennen - wen überrascht es - kein Trinkgeld (ital.: „Mancia“). Das Bediengeld ist in den Preisen inbegriffen, zudem oft noch ein „Coperto“ genannter Aufschlag. Dieser wird jedoch nicht wie oft fälschlicherweise angenommen als Tip, sondern als Gebühr für Gedeck und Brot veranschlagt. Gerade in Touristengegenden sind die Kellner aber schon sehr daran gewöhnt von den Besuchern aus fremden Ländern ein zusätzliches Trinkgeld zu bekommen. Wer sich also strikt an die Landesregel hält und am Ende des Restaurantbesuchs nicht tipt, der braucht sich nicht allzu sehr zu wundern, wenn er aufgrund des bereits eingetretenen Gewöhnungseffekts vom Kellner schief angeguckt wird. Im umgekehrten Fall fühlen sich die Italiener allerdings nicht im Geringsten daran gehindert, sich auch im Ausland strengstens an die eigenen Landessitten zu halten und nur wenig Bereitschaft zur monetären Anpassung zu zeigen.

 

Italiener gelten zwar als überaus geschwätzige, aber doch immerhin weitgehend gesittete Zecher. Lediglich auf dem Tisch sieht es hinterher immer aus wie nach der Schlacht um Tobruk. Ein wenig verächtlich begegnen sie fremden Sprachen, Kulturen und Sitten, und zeigen wenig Neigung, ihren Gastgebern entgegenzukommen. Wessen Vorfahren einst das Kolosseum erbaut und die halbe bekannte Welt erobert haben, der braucht sich um nordische Barbaren und deren heidnische Gebräuche wohl nicht zu scheren.

Frankreich

Mehrere Kriege konnten nicht verhindern, dass man sich diesseits des Rheins heutzutage gut versteht mit den Froschschenkelessern von drüben. Französische Gäste begegnen einem freundlich, lassen in Sachen Anpassung aber noch immer zu wünschen übrig. Denn Englisch sprechen sie auch heute noch ausgesprochen mangelhaft bzw. ungern, auch werden die hiesigen Trinkgeldsitten gerne ignoriert. Getrunken wird am liebsten Wein aus dem eigenen Land. Auch die Franzosen schlagen das Trinkgeld (frz.: „Pourboire“) gerne in Form einer Servicepauschale automatisch auf den Rechnungsbetrag auf – nicht selten satte 15%. Sollte dies einmal nicht der Fall sein, so ist es unüblich, aufzurunden. Stattdessen wird auch hier passend bezahlt und anschließend etwas Trinkgeld auf dem Rechnungsteller zurückgelassen.

Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland

Unsere skandinavischen Nachbarn gelten ohnehin nicht gerade als billige Urlaubsziele, selbst für die Einheimischen sind die Preise in Restaurants und Bars nicht gerade Kinkerlitzchen. Gastronomisches Personal wird im Normalfall gut bezahlt, deshalb ist ein Trinkgeld weder notwendig, noch üblich. Da praktisch alle anderen Länder im Vergleich zur eigenen kühlen Wikingerheimat geradezu als Dumpingzonen gelten und die Nordmänner, die Pisa-Studie belegt es, nicht unbedingt als weltfremde Dummköpfe bezeichnet werden können, kann man sich bei uns nicht selten über einen üppigen Rechnungsaufschlag freuen. Es kommt einer historischen Gerechtigkeit gleich: Was die barbarischen Seefahrer in ihren Drachenschiffen einst unseren mittelalterlichen Vorfahren mit Feuer und Schwert geraubt haben, das geben uns nun ihre modernen Pendants cent- und euroweise wieder freiwillig zurück.

Schweiz

Unsere südlichen Nachbarn kennen aller Neutralität zum Trotz ebenfalls eine Trinkgeldregel, die nur leicht abweichend besagt, dass 7 bis 10 % gegeben werden sollten. Auch hier wird das Trinkgeld regressiv gehandhabt, sobald die Rechnungssumme 100 Sfr überschreitet. In diesem Fall kochen die Schweizer also ausnahmsweise einmal nicht ihr eigenes „Süppli“. Allerdings weist auch die Schweiz starke regionale Unterschiede auf, nicht umsonst gibt es dort vier Amtssprachen. Anhand dieser Amtssprachen lässt sich auch das Trinkgeldverhalten recht zuverlässig ablesen, gesprochen wird nämlich Deutsch, Italienisch, Französisch und Bündnerromanisch, wobei ich letztere Sprache nicht wirklich trinkgeldtechnisch einzuordnen weiß.

USA

Hier ist Trinkgeld immer ein absolutes Muss, da Kellner und Bartender in aller Regel äußerst schlecht bezahlt werden und nicht selten sogar fast ausschließlich von diesem „Bonus“ leben müssen. Aus diesem Grund liegt der übliche Satz mit 15 bis 20 % auch deutlich höher als in Deutschland – was mitunter dazu führt, dass amerikanische Touristen bei uns recht beliebt sind. Denn sehr oft halten sie sich auch im Ausland vorbildlicherweise an die gewohnte 15/20-Regel. Wer jedoch umgekehrt seine schwäbischen Gewohnheiten als Gast in den USA auszuleben versucht, kann sich böser Blicke sicher sein und wird zudem manchmal mit einem durchaus ernst gemeinten „Don’t come back“ verabschiedet. Bleibt zu hoffen, dass sich die Vereinigten Staaten durch solcherart garstige Touristen nicht eines Tages dazu veranlasst sehen, einen Präventivschlag zu starten, das Land zu besetzen und „Zivilisierungsmaßnahmen“ einzuleiten.

 

Politisch mag man über Uncle Sam jedenfalls denken was man will, die Bewohner begegnen einem fast immer freundlich und gelassen. Im Gegenteil ist den US-Amerikanern ein gewisses Übermaß an gespielter und oberflächlicher Freundlichkeit zu eigen, die einem hierzulande in ihrem Überschwang nicht selten befremdlich erscheint. Eine positive Antwort auf die Frage „Do you speak English?“ fassen sie stets so auf, als wäre man automatisch dazu in der Lage, auch den derbsten Texas-Slang problemlos zu verstehen. Das allerdings dürfte nur ein kleiner Preis für die ansonsten großzügige Entlohnung sein.

Russland

Während es zu Sowjetzeiten vollkommen unüblich war, Trinkgeld zu geben, so ist diese Sitte zwischenzeitlich im Wandel begriffen. Heute sind die in vielen Ländern längst obligaten 5 bis 10 % in Russland zwar noch nicht flächendeckend allgemein üblich, werden aber dennoch - man mag es kaum glauben - gerne gesehen. Da zdrávstvujet Perestroika! (russ.: „Es lebe die Umgestaltung!“)

China

In China haben sich, jedenfalls was das Trinkgeld betrifft, in den vergangenen Jahren US-amerikanische Verhältnisse eingeschlichen. Dass sich der einstige Klassenfeind allmählich zum wirtschaftlichen Vorbild wandelt, ist also auch hier zu bemerken. Der gesamte Dienstleistungssektor wird überaus schlecht bezahlt, deshalb gehören 15 bis 20 % Tip zum guten Ton, ja sie sind bisweilen sogar überlebensnotwendig für die Angestellten.

 

Sollten Sie das fernöstliche Land also einmal besuchen, so halten Sie sich an die Landessitten und hinterlassen einen guten Eindruck, indem Sie Ihr Tsingtao Bier nur halb austrinken, eine ordentliche Portion tausendjährige Eier bestellen, Ihre Vogelnestsuppe und Ihre Hühnerfüße nur zur Hälfte aufessen und anschließend ein vernünftiges Trinkgeld springen lassen (es gilt in China tatsächlich als ungeschriebene Regel des Anstands, seinen Teller niemals ganz leer zu essen, denn ein leerer Teller würde dem Gastgeber gewissermaßen signalisieren, nicht genügend aufgetischt zu haben und ihn somit beschämen).

Japan

Für die Japaner ist es vollkommen abwegig mehr als den auf der Rechnung ausgewiesenen Betrag zu bezahlen. Trinkgelder werden als Almosen wahrgenommen, treffen das recht empfindliche Ehrgefühl der Japaner und werden daher oft beleidigt abgelehnt - es muss wohl das gelobte Land für Besucher aus Spanien, Italien und den Niederlanden sein! Wer als Tourist Trinkgeld auf dem Tisch liegen lässt und das Lokal verlässt, der wird unter Umständen erstaunt feststellen, dass einem sogar das Personal umgehend hinterhergelaufen kommt um das vermeintlich „vergessene“ Geld zu überreichen. Andere Länder, andere Sitten – schön und gut, aber Kohle nachtragen? Ja bin ich denn bedeppert?!

Wie wir nach diesem kurzen Blick in andere Länder gesehen haben, ist das Trinkgeld international schon seit vielen Jahrzehnten eine feste Institution. Es gehört nicht nur zum guten Ton und kann auch als kulturelle Anstandsregel betrachtet werden, es ist in fast allen Fällen eine schlichte Notwendigkeit. Die Gehälter sind schlichtweg dermaßen mies, dass es ohne Tip weitaus einfacher wäre, sich mit seinem Hartz-IV-Bescheid unter dem Hintern den ganzen Tag auf die Couch zu setzen. Zudem darf nicht vergessen werden: Hat ein Gastronom Urlaub oder liegt krank im Bett, muss er allein mit dem niedrigen Grundgehalt auskommen. Schon deshalb sind Urlaubstage in der Gastronomie kostspieliger als anderswo und die Fehlzeiten aufgrund von Krankheiten auf magische Weise geringer als in anderen Branchen. Auch wenn es der gesundheitlichen Bestimmungen wegen offiziell verboten ist, so gehen doch viele auch mit einer anständigen Erkältung lieber arbeiten als sich das kostbare Trinkgeld entgehen zu lassen. Ich habe sogar schon einmal einen Kollegen erlebt, der mit eingegipstem Fuß zur Arbeit erschienen ist und mehrere Wochen lang hinter der Theke auf und ab humpelte.

                Nicht-Gastronomen vergessen oft, dass sie einen wesentlich höheren Lohn und zudem vielleicht noch Urlaubs– und Weihnachtsgeld sowie ein dreizehntes Monatsgehalt erhalten – Dinge, von denen Gastronomen im Regelfall nicht einmal zu träumen wagen. Sie können nicht verstehen, wieso wie derart versessen auf das Trinkgeld sind und verwechseln unser Grundverlangen nach dieser für uns so wichtigen Entlohnung fälschlicherweise mit Gier.

Zwecks besserer Übersicht habe ich die Trinkgeldgewohnheiten einiger Länder in der nachfolgenden Tabelle noch einmal zusammengefasst:

Trinkgeldtabelle

Land

Deutschland und Österreich

England, Irland, Schottland

Niederlande

Spanien und Portugal

Italien

Frankreich

Skandinavische Länder

Schweiz

USA

Russland

China

Japan

Griechenland

Türkei

Mittelamerika

Südamerika

Indien

Afrika

Australien und Neuseeland

Restaurant

5 - 10 %

10 %

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Bar

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Entfällt bei Selbstbedienung

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Aufrunden bis max. 5 %

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30 Tipps für mehr Trinkgeld

An dieser Stelle nun 30 Kniffe, mit deren Hilfe Sie zuverlässig und umgehend Ihr Trinkgeld steigern können. Den absoluten Großteil davon habe ich selbst schon mehrfach ausprobiert, andere Tipps hingegen den Erfahrungen und Hinweisen von Kollegen entnommen. Die Reihenfolge der Ratschläge stellt keine Wertigkeit dar, sondern ist rein zufälliger Natur.

1. Sei freundlich

Es mag banal klingen, doch Freundlichkeit ist immer noch der sicherste Weg um ein vernünftiges Trinkgeld zu erhalten. Niemand lässt sich gerne von einem übellaunigen Miesepeter bedienen, der private Probleme, sexuellen Frust oder nervenaufreibenden Dauerstress mit seiner garstigen Alten in die Arbeit trägt und womöglich auch noch an seinen Gästen auslässt. Ein ernstgemeintes (oder gut gespieltes) Lächeln wirkt hingegen Wunder und geradezu wie ein Trinkgeldkatalysator. Ebenso sollten eine freundliche Begrüßung und Verabschiedung selbstverständlich und der Großzügigkeit der Gäste nicht abträglich sein. Aber: degenerieren Sie bloß nicht zu einem widerlichen Schleimer. Viele Gäste durchschauen das falsche Spiel sofort und so viel ist sicher: Arschkriecher sind nicht beliebter als Knautschfressen.

2. Sei attraktiv

Sex sells – das gilt auch fürs Trinkgeld. Nicht nur Männer sind generell eher bereit, der attraktiven 20jährigen mit dem tiefen Ausschnitt und dem Knackarsch ein üppigeres Trinkgeld springen zu lassen, als der schon deutlich eingetrockneten Mitfünfzigerin Uschi. Auch Frauen wissen es durchaus zu schätzen von einem gutaussehenden Kellner oder Barmann bedient zu werden und zeigen sich schon allein für den dargebotenen optischen Schmaus finanziell erkenntlich. Tritt allerdings zur Attraktivität die in dieser Kombination häufig auftretende Arroganz hinzu, mutiert der smarte Sonnyboy sehr schnell zum polierten Lackaffen und der positive Augenklimpereffekt ist dahin. Die kleine Schwester des guten Aussehens ist das gepflegte Auftreten. Fettige Haare, dreckige Fingernägel und schlechter Atem sind die natürlichen Feinde der Trinkgeldkasse. Wenn Sie also schon nicht mit einer naturgegebenen hübschen Hülle gesegnet worden sind, seien Sie wenigstens eines: sauber.

3. Sei kompetent

Ein ahnungsloser Kellner mag sich eine Zeitlang erfolgreich durch seinen Beruf schummeln, früher oder später aber wird seine Inkompetenz auffliegen. Oft genügen schon einfachste Fragen zu Speisen oder Getränken und die professionslabile Bedienung gerät völlig aus der Fassung. Wem es an Kompetenz fehlt, der kann diesen Missstand vielleicht durch gute Improvisation oder ein Talent als Lügner und Hochstapler teilweise ausgleichen, einen wahren Ersatz hierfür gibt es indes nicht. Fast immer wird das Wissensdefizit des Kellners von Gästen sehr schnell durchschaut – vorausgesetzt, diese sind nicht mindestens ebenso ahnungslos.

4. Allet schnieke

Ebenfalls kaum die Erwähnung wert, dennoch ein garantierter Tip-Killer: Ein schmutziger Tisch, dreckiges Besteck oder Gläser mit Fettlippen. Egal ob als Gast oder Angestellter, wenn ich so etwas erlebe, bekomme ich direkt schlechte Laune. Wer nicht gerade gestern erst mit dem Kellnern angefangen und vielleicht noch mit der Überforderung des Neulings zu kämpfen hat, der braucht sich gar nicht erst um die Ausrede bemühen, er hätte das halbe Pfund Brotkrümel auf der Tischdecke oder dieses mit Lippenstift geschmückte Glas nicht bemerkt. Mich ekelt so etwas an und Sie können Gift darauf nehmen, dass es auch die meisten Gäste so empfinden. Wenn Ihnen der Barmann Getränke in dreckigen Gläsern herausgibt, dann weigern Sie sich diese zu servieren und fragen Sie ihn, ob er etwa selbst gerne daraus trinken würde. Natürlich erlebt man auch immer wieder die Situation, da Gäste es gar nicht erwarten können und sofort an den nächsten freien Tisch stürmen, auch wenn dieser noch immer aussieht als wären gerade die Russen in Berlin eingerückt. Das mag Sie ärgern, doch sollten Sie sich trotzdem darum bemühen, dass alles tip top sauber ist.

5. Beraten und abraten

Eng verwandt mit dem vorangegangenen Punkt ist hiermit weniger das allgemeine Fachwissen des Personals gemeint, als vielmehr die tagesaktuelle „Situation“ des Lokals.  Als Kellner hat man üblicherweise einen sehr genauen Einblick hinter die Kulissen und weiß z. B. ob die Tagessuppe frisch oder aber vom Brunch von vor vier Tagen übrig geblieben ist. Dass die Sparpolitik eines Inhabers in fragwürdige Resteverwertung ausarten kann, dürften alte Hasen schon des Öfteren erlebt haben. Ein dezenter Hinweis darauf, dass Gericht XY aus welchen Gründen auch immer heute nicht unbedingt empfehlenswert ist, werden Ihre Gäste sicherlich zu schätzen wissen. Andersherum besteht natürlich ebenso die Möglichkeit, dass etwa dem Patissier ein Dessert ganz besonders gut gelungen ist. Außergewöhnliche Köstlichkeiten, die nicht jeden Tag zu haben sind, sollten Ihnen eine Empfehlung wert sein.

6. Verkaufen, verkaufen, verkaufen!

Verfügen Sie über ein besonderes Verkaufstalent und können Ihren Gästen noch einen großen Eisbecher mit Schlagsahne aufschwatzen, obwohl diese bereits aus allen Nähten platzen? Dann wird sich darüber nicht nur Ihr Chef freuen. Es ist eine simple Rechnung: Je höher die zu bezahlende Summe, desto mehr Trinkgeld bleibt am Ende für Sie übrig. Jedenfalls theoretisch. Versuchen Sie also mehr als nur Ihren Dienst nach Vorschrift abzuleisten und seien Sie ein Verkäufer. Kurbeln Sie den Umsatz an, steigern Sie damit automatisch auch Ihr Trinkgeld.

7. Nichts ist unmöglich

Ja, ich weiß, Sonderwünsche können tierisch nerven. „Kann ich anstatt Pommes auch Wedges haben?“, „Würden Sie mir das Bier anwärmen? Ich habe einen empfindlichen Magen.“, „Cocktail XY steht nicht auf Ihrer Karte, aber können Sie ihn trotzdem mixen?“, „Dürfen wir uns von nebenan eine Pizza holen?“ und dergleichen mehr gehört zu unserem Alltagsgeschäft. Vieles davon ist blödsinnig, unpraktisch oder lässt sich aus anderen Gründen nicht in die Tat umsetzen, doch manchmal erfüllen wir ausgefallene Wünsche unserer Gäste auch ganz einfach aus Bequemlichkeit nicht. Dabei kann es sich durchaus lohnen, wenn man seinen Gästen entgegenkommt und sich um die Erfüllung von ungewöhnlichen Wünschen außerhalb der Norm bemüht – natürlich nur soweit es sich einrichten lässt. Stehen Sonderwünsche in Ihrer Macht und bereiten nicht allzu viele Umstände, dann erfüllen Sie sie. Ihre Gäste werden das zu schätzen wissen und sich mit hoher Wahrscheinlichkeit erkenntlich zeigen. Natürlich werden Sie dabei aber auch immer wieder auf Individuen stoßen, die Ihr Entgegenkommen lediglich auszunutzen versuchen. So etwas lässt sich kaum vermeiden.

8. Sei aufmerksam

Besteht die Möglichkeit, eintretenden Gästen aus dem Mantel zu helfen? Ist jemand ganz offensichtlich mit der 150 Seiten starken Cocktailkarte überfordert und hat Schwierigkeiten sich für einen der 1200 aufgelisteten Drinks zu entscheiden? Sitzt ein Gast bei 32 Grad Raumtemperatur schwitzend, mit hochrotem Kopf und unmittelbar vor der eintretenden Dehydrierung vor einem leeren Glas? Dann nichts wie hin! Kaum etwas schmeichelt den Menschen so sehr wie die Aufmerksamkeit, die wir ihnen entgegenbringen. Dadurch gewinnen sie den Eindruck, sie seien nicht nur irgendein x-beliebiger Gast, sondern es wert, dass man sich um sie bemüht und sie zuvorkommend behandelt. Sie werden stets einen guten Eindruck hinterlassen, wenn Sie Gästen die Tür aufhalten, ihren angespannten und suchenden Blick sofort richtig deuten und ihnen den Weg zur Toilette weisen oder ihnen den Wein oder Sekt ungefragt nachschenken. Eine kleine Belohnung für den aufmerksamen Lakaien ist so fast immer sicher.

9. Erinnere Dich

Die Fähigkeit, sich an Gesichter und im Idealfall sogar Namen zu erinnern, ist in der Gastronomie buchstäblich Gold wert. Erkennen Sie einen Gast bei dessen Eintreten wieder, sprechen ihn gar mit Namen an und fragen ihn als i-Tüpfelchen auch noch, ob es wie bei seinem letzten Besuch erst einmal ein „Japanese Old Fashioned“ sein darf, dann haben Sie den Pfeil genau ins Schwarze getroffen - und mit einem zweiten Schuss diesen Pfeil sogar noch in zwei Hälften gespalten. Auch hier wird der Mensch wieder einmal an einer seiner empfindlichsten Stellen getroffen: dem Ego. Es in wohldosierter Weise zu umschmeicheln ist der Weg zum Portemonnaie seines Besitzers.

10. Lauf nicht weg

Man kennt es vom eigenen Restaurantbesuch: Es ist gerade immer dann kein Kellner weit und breit zu sehen, wenn man sich ganz dringend noch ein Bier zum Schnitzel bestellen möchte. Essen zu gehen mag den Grund haben, nicht selbst zu Hause kochen zu müssen, doch viele Menschen genießen es auch sich bedienen zu lassen. Es kann daher nur zu Ihrem eigenen Vorteil sein, wenn Ihre Gäste Sie bei Bedarf auch ansprechen können und Sie sich immer wieder einmal am Tisch oder wenigstens in dessen Nähe blicken lassen. Ein Kellner hingegen, der nur zum Auftischen, Abräumen und Präsentieren der Rechnung erscheint, wird sich bei seinen Gästen vermutlich nicht sonderlich beliebt machen. Ich weiß, was Sie jetzt sagen wollen, in diesem schlecht entlohnten Knochenjob mit chronischem Personalmangel ist es oft ganz einfach nicht möglich sich angemessen um die Gäste zu kümmern. Ich kann zwar nichts gegen Ihre schmerzenden Füße und angeschlagenen Nerven tun, doch glauben Sie mir wenn ich sage, dass es viele Gäste durchaus registrieren, wenn Sie wie Speedy Gonzales durchs Restaurant flitzen und keine Sekunde still stehen. Die meisten zeigen sich verständnisvoll und lassen nicht den Kellner dafür büßen, wenn dieser kaum mehr mit den Bestellungen hinterher kommt. Alle anderen sind, nun ja, Arschlöcher.

11. Die Kellnerfliege

Selbstverständlich können Sie es mit Ihrer „Aufmerksamkeit“ auch übertreiben. Wenn Sie permanent die Unterhaltung Ihrer Gäste stören, ihnen beim Essen zusehen und sich derart aufdringlich verhalten, dass Sie sich gleich dazusetzen könnten, hinterlässt das bestimmt keinen guten Eindruck. Finden Sie ein gesundes Mittelmaß und entwickeln Sie ein Gespür dafür, wann Gäste lieber ungestört unter sich bleiben wollen. Dies ist besonders häufig bei offensichtlich frisch verliebten Paaren oder Geschäftsessen der Fall. Das richtige Timing entscheidet auch hier über Sieg oder Niederlage.

12. Geschenke erweichen das Herz

Manchmal bekommt man zusammen mit der Rechnung eine kleine Aufmerksamkeit überreicht wie etwa ein paar Bonbons oder einen Schnaps. Als Aufmerksamkeit kann aber auch aufgefasst werden, wenn Sie Gäste, die schon zum wiederholten Mal bei Ihnen essen oder trinken, mit einem Händedruck begrüßen oder verabschieden. Die Verabschiedung findet für gewöhnlich zwar nach dem Bezahlvorgang statt, doch werden sich die Gäste womöglich daran erinnern und sich bei ihrem nächsten Besuch erkenntlich zeigen.

13. Sei vorbereitet

Es gehört zu denjenigen Details, die man schon in der Berufsschule lernt, dass man stets Nadel und Faden sowie einige Schmerztabletten und Heftpflaster bei sich haben sollte. Einerseits könnten Sie natürlich selbst während Ihres Dienstes von quälenden Kopfschmerzen betroffen sein oder Ihren Hosenknopf versehentlich abreißen, aber auch Gäste bleiben von dem einen oder anderen Missgeschick nicht verschont. Daneben sollten Sie Ihren Gästen außerdem bei Bedarf Stift und Papier, in touristisch stark frequentierten Lokalen vielleicht sogar einen Stadtplan zur Verfügung stellen können. Auf je mehr Eventualitäten Sie vorbereitet sind, desto besser – natürlich nur solange Sie sich hierfür keinen Bauchladen umhängen müssen.

14. Ich schau dir in die Augen, Kleines

Beim Aufnehmen der Bestellung oder beim Kassieren der Rechnung sitzen die Gäste üblicherweise während der Kellner steht. Die jeweiligen Positionen sorgen zwangsläufig dafür, dass der Kellner auf seine Gäste „herab blickt“. Natürlich wird dies niemand bewusst als Überheblichkeit auffassen, aber es kann ein wirksamer körpersprachlicher Trick sein, wenn der Kellner dabei stattdessen in die Hocke geht oder sich sogar hinsetzt, um sich auf Augenhöhe zu seinen Gästen zu befinden. Es ist klar, dass nicht jeder Chef davon begeistert sein wird, wenn er einen seiner Angestellten während des Dienstes an einem der Tische sitzen sieht, auch könnten die Gäste dies falsch auffassen. Das hängt in erster Linie von der Art des jeweiligen Lokals ab.

 

 

 

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