Glas

Glas ist die Bezeichnung für einen festen, nicht elastischen, glatten, nichtkristallinen Stoff, der meist durchsichtig ist, nach Beimengung bestimmter Zusatzstoffe aber auch verschiedene Farben aufweisen kann. Im Kontext dieses Buches wird vor allem die Geschichte und Herstellung von Trinkgläsern und Glasflaschen behandelt.


Hintergrund

Da Glas mancherorts auch in natürlicher Form vorkommt, dürfte es den Menschen bereits seit vielen Jahrtausenden bekannt sein. Erwähnenswert an dieser Stelle ist vor allem Obsidian, ein vulkanisches Gesteinsglas, das unter bestimmten Voraussetzungen bei rascher Abkühlung von Lava entsteht. Weltweit sind nur etwa 70 Fundorte bekannt, doch wurde der Handel mit dem begehrten Stoff bereits in der Steinzeit nachweisbar überregional und über weite Strecken hinweg praktiziert. Dieses natürliche Glas war aufgrund seiner Härte besonders gefragt, da es, nach entsprechender Bearbeitung, dank seiner scharfen Bruchkanten ideal als Schneidewerkzeug oder Waffe verwendet werden konnte. Auch zur Herstellung von Schmuck eignet sich Obsidian hervorragend, Trinkgefäße lassen sich daraus jedoch nur äußerst umständlich fertigen.

 

Mit den technologischen Mitteln der Antike war es zudem nicht möglich, Obsidian zu schmelzen, um es zu färben und in eine neue Form zu bringen – es musste also ein Weg gefunden werden, Glas auf künstliche Weise herzustellen. Dies gelang vermutlich erstmals um 1600 v. Chr. in Mesopotamien, der Wiege so berühmter Hochkulturen wie Sumer, Babylon und Persien. Die ältesten Funde aus dieser Zeit bestehen in Form von Glasperlen; das erste Trinkgefäß, der Kelch Pharaos Thutmosis III., datiert auf das Jahr 1450 v. Chr. und wurde in Ägypten entdeckt. Die Ägypter dürften Glas zunächst nur aus Mesopotamien importiert haben, spätestens ab 1400 v. Chr. verfügten sie wohl selbst über die notwendigen Technologien.

 

Die Herstellung beruhte dabei wie auch heute noch auf zermahlenem Quarzgestein, das bei Temperaturen von ca. 800 °C zu einer sog. Fritte (= zusammengebackenes, aber nicht vollständig geschmolzenes Glas) vorgeschmolzen wurde. Anschließend zerkleinerte man die Fritte und schmolz sie bei 900 bis 1100 °C zu einheitlichen Glas-Barren, die ggf. durch die Beimengung von Metall-Oxiden gefärbt und zu weiterverarbeitenden Werkstätten transportiert wurden.

 

In den folgenden Jahrhunderten und vor allem durch die Ausbreitung des Römischen Imperiums entstanden an vielen Orten im östlichen Mittelmeerraum, in Mittel- und Osteuropa, Britannien und in Nordafrika Glasgießereien, doch blieben Ägypten und die Levanteküste (das Gebiet der heutigen Länder Israel, Libanon und Syrien) für lange Zeit die Zentren der Glasproduktion.

 

Glas war bis zum Jahr 0 bereits weit verbreitet und ein wichtiger Bestandteil des gehobenen Lebensstandards. Aus Glas gefertigt wurden Mosaiksteine, Perlen, Ringe, Armreife, Figuren, Fensterscheiben, Trinkgefäße und Karaffen, zu allerdings sehr hohen Preisen, die sich nur das besser betuchte Bürgertum und der Adel leisten konnten. Kunstvoll gefertigtes Glas galt als das Luxusprodukt schlechthin, die ärmeren Schichten mussten auch weiterhin mit Holzbechern oder Tongefäßen Vorlieb nehmen.

 

Mit dem langsamen Untergang Roms und der damit einhergehenden Inbesitznahme der Provinzen durch einheimische bzw. eingewanderte Völker wechselte das Wissen um die Glasverhüttung oft nahtlos zu den Germanen, Kelten, Iberern usw. über. Vielerorts wurde aufgrund mangelhafter Kenntnisse, meist jedoch aufgrund fehlender Rohstoffe, zunächst noch römisches Glas “recycelt”, also eingeschmolzen und neugegossen, bevor man mit der Produktion eigener Gläser begann. Die für die Verarbeitung notwendigen hohen Temperaturen hatten einen enormen Holzverbrauch zur Folge, weshalb die meisten Glashütten in dichten Waldgebieten entstanden.

 

Ab dem 12. Jahrhundert nutzte auch die katholische Kirche Glas zunehmend für ihre Zwecke und schmückte damit bspw. ihre beeindruckenden Kirchen und Kathedralen, deren prachtvolle Buntglasfenster zum Teil bis heute in ihrer ursprünglichen bzw. restaurierten Form erhalten geblieben sind.

 

Trotz aller Kunstfertigkeit stellte es aufgrund von Verunreinigungen des Quarzsandes lange Zeit ein Problem für die Glasmacher dar, vollkommen klares und durchsichtiges Glas herzustellen. Dies gelang bislang nur einigen wenigen Meistern aus Byzanz und Palästina, bis ein gewisser Venezianer namens Angelo Barovier im 15. Jahrhundert das Geheimnis entschlüsselte. Die Macht und der Reichtum, den dieses Wissen für die Händlerrepublik Venedig mit sich brachte, war so enorm, dass sämtliche Glasmacher auf der nordöstlich der Lagunenstadt vorgelagerten Insel Murano angesiedelt wurden und den Ort nur nach vorhergehender Genehmigung unter strengen Auflagen verlassen durften. Venezianisches Glas stellte über Jahrhunderte hinweg das Non-plus-Ultra der Glaskunst dar und ist auch heute noch in aller Welt berühmt und begehrt.


Kinderarbeit in einer Glashütte
Kinderarbeit in einer Glashütte

Obwohl Trinkgläser und Glasflaschen bereits seit der Antike bekannt waren und vor allem für die Aufbewahrung von Ölen, Parfums u. ä. genutzt wurden, so setzte sich deren allgemeine Verbreitung auch in den unteren Bevölkerungsschichten erst durch das Aufkommen einfacherer und billiger Produktionsmethoden im 18. Jahrhundert allmählich durch. Erst die beginnende Industrialisierung und der Einsatz von Maschinen machte dies möglich. So ist letztlich auch die Entdeckung des Champagners für manchen überraschend ein Verdienst der Glasflasche, die von einigen Winzern der Champagne im 17. Jahrhundert zum ersten Mal zum Transport ihres Weines genutzt wurde.

 

Die Weiterentwicklung der massenhaften fabrikmäßigen Produktionsweisen im 19. Jahrhundert leitete letztlich den endgültigen Einzug von Glaswaren aller Art in sämtliche Bereiche des alltäglichen Lebens ein. Während Fenstergläser schon länger, spätestens vermutlich seit dem 16. Jahrhundert auch an Wohnhäusern allgemein üblich wurden, und das Trinkglas ab dem 17./18. Jahrhundert langsam auch unter der durchschnittlichen Bevölkerung verbreitet wurde, setzte sich die Glasflasche unter Winzern und Brennern erst vergleichsweise spät in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch. Bis dahin wurden Weine und Brände meist in Holzfässern verkauft.


Weinflaschen aus dem Jahr 1920
Weinflaschen aus dem Jahr 1920

Längst sind die Vorteile, die Glas für Aufbewahrung, Transport und Genuss von Getränken bietet, bekannt und geschätzt. Nach entsprechender Bearbeitung und in die richtige Form gebracht sind Glasflaschen einfach und platzsparend aufzubewahren und zu transportieren, stabil, luftdicht verschließbar, korrosionsbeständig, auswaschbar und sie geben (den Verzicht auf Färbemittel vorausgesetzt) den Blick auf ihren Inhalt frei. Um lichtempfindliche Flüssigkeiten zu schützen, kann Flaschenglas darüber hinaus mit einem Blocker versehen werden, der das Glas für bestimmte Lichtwellen undurchdringbar macht (dies wird vor allem bei Bierflaschen angewandt, um sensible Bestandteile wie Hopfen vor dem Verfall zu schützen; erkennbar ist der Lichtschutz an einer braunen, grünen oder sonstigen Färbung des Glases).

 

Trinkgläser bieten ganz ähnliche Vorzüge gegenüber Gefäßen aus Holz, Ton, Keramik oder Zinn. Die Hauptvorteile dürften in der Klarheit, der Ästhetik und der Ebenmäßigkeit fußen. Zudem ist vor allem die Form des Trinkglases alles entscheidend, wenn es um die optimale Entfaltung und Konzentration der Aromen geht.


Gläserformen

Je nach Verwendungszweck haben sich im Laufe der Zeit verschiedene Gläserformen herausgebildet, die dem Charakter und der Art ihres jeweiligen Inhaltes in möglichst optimaler Form gerecht werden sollen. So existieren Trinkgläser in geradezu unzähligen Formen und Größen, die sich jedoch alle in gewisse Grundmuster einteilen lassen. Nicht selten kann man für ein und dasselbe Getränk zwischen verschiedenen Gläsern wählen, die je nach persönlichem Geschmack gewisse Eigenschaften des Getränks verstärken oder abschwächen. Auch die Art, wie etwas getrunken wird (pur, gekühlt, auf Eis, mit Soda oder Limonade aufgegossen etc.) ist mit entscheidend. Bestehen einmal Unsicherheiten, so kann einem oftmals simple Logik auf die Sprünge helfen. So ist es zum Beispiel einleuchtend, dass Heißgetränke in Gläsern mit Henkel serviert werden sollten, während für gekühlte Weiß- oder Schaumweine Gläser mit Stiel zu bevorzugen sind, damit die warme Hand den Wein nicht unnötig erwärmt.

 

Für fast alle Weine und Spirituosen ist es weiterhin von Vorteil, wenn sie in ausreichendem Maße mit Luft in Kontakt kommen können, damit sich die Aromen des Getränks durch die Sauerstoffzufuhr optimal entfalten. Deshalb verfügen gerade Rotweingläser aber auch Weißweingläser über einen meist recht großen Durchmesser, verjüngen sich jedoch nach oben hin, damit die Aromen nicht so leicht aus dem Glas entweichen können. Für Schaumweine empfehlen sich hingegen lange und schmale Gläserformen, damit die Kohlensäure nicht zu schnell verloren geht. Das wohl vielseitigste aller Gläser ist das sogenannte Nosing-Glas, ein kleines bauchiges Glas mit starker Verjüngung zum Rande hin. Auch wenn es sich nur für vergleichsweise geringe Mengen eignet, so ist es doch ideal für Verkostungen und Spirituosen jeglicher Art.