Genever

Genever (auch niederl. “Jenever”, frz. “Genièvre” oder wallon. “Peket”) ist die geschützte und an bestimmte Regionen gebundene Bezeichnung für Spirituosen, die aus mit Wacholderbeeren aromatisierten Neutral- oder Getreidealkohol hergestellt werden. Der Zusatz von natürlichen oder künstlichen Aromastoffen ist erlaubt, wobei der Wacholdergeschmack vorherrschend bleiben muss. Der Alkoholgehalt muss mindestens 30% vol. betragen. Siehe auch Gin und Spirituose mit Wacholder.


Hintergrund

Der vermutlich erste Genever wurde um 1550 vom niederländischen Professor der Medizin an der Universität von Leiden, Sylvius de Bouve (nicht zu verwechseln mit dem aus Deutschland stammenden Arzt Dr. Franciscus Sylvius, geboren als Franz de la Boë, der rund einhundert Jahre später an der Universität von Leiden wirkte), als verdauungsförderndes Mittel und zur Bekämpfung von tropischen Krankheiten hergestellt.

 

Wacholder galt zur damaligen Zeit schon seit Jahrhunderten als gängiges Heilmittel, wurde irrtümlicherweise sogar zur Bekämpfung der Pest angewendet, und De Bouve dachte dabei wohl vor allem an die niederländischen Kolonisten in Südostasien, die mehr als alle anderen seiner Landsleute von tropischen Fiebern und durch ungewohnte Nahrungsmittel ausgelöste Magen-Darm-Beschwerden geplagt wurden. Er kreierte ein Destillat aus Roggen, Mais und Gerstenmalz und aromatisierte es mit Wacholderbeeren, indem er diese für einige Tage in das Destillat einlegte. Tatsächlich hatten ähnliche auf Wacholder basierende Spirituosen und Liköre schon zuvor existiert, erreichten jedoch nie die Bedeutung von de Bouves Erfindung. Französisch galt damals als die europäische Kultursprache schlechthin und so taufte der Professor sein Getränk schlicht “Genièvre” - “Wacholder”.

 

Die nur kurz darauffolgende Beliebtheit des Wacholderschnapses in den Niederlanden und dessen Kolonien, aber auch in Teilen Deutschlands, Frankreichs und Englands, ist vor allem jedoch dem Unternehmer Lucas Bols zu verdanken, der das Verfahren im Jahr 1575 von de Bouve übernahm und den Wacholderbrand erstmals in größeren Mengen herstellte.

 

Wilhelm III. von Oranien-Nassau (1605 – 1702), Statthalter der Niederlande und ab 1689 in Personalunion König von England, Irland und Schottland, brachte den Genièvre dann im späten 17. Jahrhundert im Verlauf seiner Thronbesteigung nach England. Als Wilhelm III. im November 1688 an der englischen Küste landete, um seinen katholischen Onkel und Schwiegervater, König Jakob II., zu vertreiben, führten seine vornehmlich aus niederländischen Söldnern bestehenden Truppen reichlich Wacholderbranntwein im Proviantgepäck mit sich. Die Einheimischen, die schon immer einen Hang zu fremdartigen Getränken gezeigt hatten und auch Champagner, Cognac und co. zu ihrem großen Erfolg verhalfen, fanden schließlich recht bald Gefallen an dem starken Trunk der Fremden und versuchten ihn zu imitieren und selbst herzustellen. Um 1700 initiierte der durch Wilhelms Soldaten mitgebrachte Schnaps den unglaublichen Gin-Boom, der kurz darauf in England losbrechen sollte.

 

Davon abgesehen blieb den Engländern auch kaum eine andere Wahl, als auf Alternativen zurückzugreifen, denn durch den Streit der protestantischen Engländer und Niederländer mit dem katholischen Frankreich wurden alle Weinbrand-Importe aus dem Land der Bourbonen gesetzlich untersagt. Als Ausgleich für diesen herben Verlust erlaubte Königin Anne nach dem Tode Williams im Jahre 1702 jedem ihrer Untertanen Genever bzw. dessen Nachfolger Gin lizenzfrei herzustellen.

 

Im Laufe der Jahre hatte der Volksmund die schwierige französische Aussprache vereinfacht und machte aus “Genièvre” das wesentlich zungenfreundlichere “Genever” oder “Jenever”, in England entwickelte sich daraus das noch stärker eingekürzte Wort “Gin”. Kaum jemand hielt sich dabei bis ins Detail an die niederländischen Produktionsweisen, jeder brannte nach seinem eigenen Gutdünken. Auch die erstmalige Zugabe von weiteren Gewürzzutaten wie Anis, Kümmel, Koriander usw. fällt in diese Zeit, da viele Brenner damit den Fuselgeschmack ihres oft minderwertigen Destillats übertünchen wollten. Auf diese Weise entwickelten sich im Laufe der Zeit zwei unterschiedliche Spirituosen, denen oftmals nur noch der Wacholder gemeinsam war. Der ursprüngliche Genever verlor daraufhin außerhalb der Niederlande und seiner Kolonien sehr schnell an Bedeutung.

 

Das erwachsende British Empire mit seinem zunehmend weltumspannenden Handelsnetz machte sich im Gegensatz dazu durch die landeseigene Gin-Industrie von Importen aus den Niederlanden vollkommen unabhängig und verbreitete in seinen internationalen Einflusssphären stattdessen seinen eigenen “Way of Life”. Schon im 18. Jahrhundert, nur wenige Jahrzehnte nach seiner Einführung in England, die theoretisch auch seinen weltweiten Siegeszug hätte bedeuten können, trat der Genever weit in den Schatten des immer mächtiger werdenden Gins zurück. Von da an spielte er praktisch nur noch in einigen sehr überschaubaren Regionen in Mitteleuropa eine Rolle, sowie in den niederländischen Handelsniederlassungen im heutigen Indonesien.

 

Dennoch ließ sich der Genever gerade in seinem Heimatland durch keine Spirituose aus dem Ausland jemals verdrängen. Besonders die durch ihre Anbindung an Wasserstraßen so wichtigen Städte Amsterdam und Rotterdam entwickelten sich immer mehr zu Zentren der Genever-Produktion. Aus Platzmangel mussten bald immer mehr Brenner an den Stadtrand oder in die Vororte überwechseln. Vor allem der Ort Schiedam unweit von Rotterdam entwickelte sich im 19. Jahrhundert zur Hauptstadt der Genever-Industrie. So sollen allein dort im Jahr 1880 rund 400 kleine Destillerien angesiedelt gewesen sein, die in den Jahrzehnten danach allerdings Stück für Stück von einigen wenigen großen Herstellern verdrängt und aufgekauft wurden.

           

Heute sind laut EU-Recht je nach Herkunftsort die Bezeichnungen “Genever” (deutsch), “Jenever” (niederländisch), “Genièvre” (französisch) und “Peket” (wallonisch) zulässig. Größter Produktionsort für Genever ist auch heute noch die Stadt Schiedam, auch wird in den Niederlanden die bei weitem größte Menge, rund 25 Mio. Liter pro Jahr, an Genever konsumiert. Obwohl er dessen Vorläufer ist, so bleibt seine heutige internationale Beliebtheit und Bedeutung doch weit hinter der des Gins zurück.


Die Region

Die Bezeichnung “Genever” dürfen nur mit Wacholderbeeren aromatisierte Spirituosen aus den Niederlanden, Belgien, den deutschen Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, sowie den französischen Départements Nord und Pas-de-Calais tragen. Für weitere, an bestimmte Regionen gebundene Bezeichnungen siehe auch die Geschützten geografischen Bezeichnungen weiter unten.


Die geschützten Herkunftsregionen von Genever
Die geschützten Herkunftsregionen von Genever

Herstellung

Ausgangsprodukt für Genever ist immer hochausgebrannter Alkohol, meist aus Roggen, Gerste und Mais. Dieser wird anschließend mit unvergorenen Wacholderbeeren und anderen Zutaten wie Anis, Kümmel und Koriander versetzt und nochmals destilliert. Gegebenenfalls wird dieses in den Niederlanden nun Jonge Genever (= Junger Genever) genannte Destillat noch für einige Zeit in Fässern gelagert, bevor es in Flaschen abgefüllt wird.

 

Eine Besonderheit stellt der niederländische Oude Genever  (= Alter Genever) dar, für den spezielle Auflagen gelten. Hier bildet die Basis zu gleichen Teilen Roggen, Gerste und Mais unter der Zugabe von Darrmalz (= getrocknete und geröstete Getreidekörner). Diese Getreidemischung wird nach dem Mälzen (durch Wasser zum Keimen gebracht) getrocknet, im Anschluss geschrotet und mit Wasser und Hefe vermischt. Nach der Gärung erfolgt die dreifache Destillation und man erhält den sehr malzigen sog. Moutwijn (= Malzwein) mit rund 46% vol. Eine geringe Menge dieses Moutwijn gelangt unter der Bezeichnung “Landelt” in den Handel, der größte Teil wird jedoch zu Oude Genever weiterverarbeitet. Der Moutwijn wird nun mit neutralem Alkohol vermischt, der Anteil an Moutwijn muss bei Oude Genever jedoch mindestens 5% betragen (Jonge Genever darf auch ohne Moutwijn-Anteil hergestellt werden). Nun folgt die Zugabe von Wacholderbeeren und anderen Zutaten wie Anis, Koriander und Kümmel und das ganze wird noch einmal destilliert. Zum Schluss wird der Genever noch mit Wasser auf die entsprechende Trinkstärke herabgesetzt. Eine Reifezeit ist gesetzlich nicht vorgeschrieben, wird aber dennoch nicht selten vorgenommen.


Geschützte geografische Bezeichnungen


Deutschland

Ostfriesischer Korngenever, Steinhäger, Genièvre / Jenever / Genever (Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen)


Niederlande

Genièvre / Jenever / Genever, Genièvre de grains, Graanjenever, Graangenever, Jonge jenever, jonge genever, Oude jenever, oude genever


Belgien

Genièvre/Jenever/Genever, Genièvre de grains, Graanjenever, Graangenever, Jonge jenever, jonge genever, Oude jenever, oude genever, Hasseltse jenever/Hasselt, Balegemse jenever, O' de Flander-Oost-Vlaamse Graanjenever, Peket-Pékêt/Peket-Pékêt de Wallonie


Frankreich

(Departments Nord und Pas-de-Calais): Genièvre/Jenever/Genever, Genièvre de grains, Graanjenever, Graangenever, Genièvre Flandres Artois


Weiterführende Links