Eierlikör

Eierlikör (auch “Advocaat”, “Avocat” oder “Advokat”) ist die Bezeichnung für Liköre, die aus neutralem Alkohol, mindestens 140g/l  Eigelb und mindestens 150g/l Zucker hergestellt werden. Weitere Zutaten wie Eiweiß, Sahne, Milch, Honig, Kräuter und Gewürze, natürliche oder naturidentische Aromastoffe sind ebenfalls erlaubt. Der Alkoholgehalt muss mindestens 14% vol. betragen.


Hintergrund

Die Suche nach den Ursprüngen des Eierlikörs führt überraschenderweise zunächst einmal nach Brasilien. Nach der Entdeckung Amerikas im Jahre 1492 durch den italienischen Seefahrer Christopher Kolumbus begannen die europäischen Seemächte nach und nach damit, den neuen Kontinent zu besiedeln und zu erobern. Unter ihnen waren die Portugiesen, die entsprechend dem Vertrag von Tordesilhas vor allem im heutigen Brasilien zahlreiche Kolonien gründeten, aber auch die Niederländer, die später an der Küste einige Handelsposten errichteten.

 

Entdecker, die etwa ab 1500 tief in den Dschungel des Amazonas vorstießen, trafen schon bald auf Ureinwohner, die ein auf Avocados basierendes Getränk herstellten, das diese “Abacate” nannten. Wie genau dieses vermutlich aus vergorenem Fruchtfleisch hergestellte Getränk beschaffen war, ist heute nicht mehr eindeutig nachvollziehbar. Die Europäer übernahmen nach diesem Zusammentreffen jedoch nicht nur die Kultivierung der Frucht von den Amazonasindianern, sondern auch deren Bezeichnung, denn so wird die Avocado im Portugiesischen seit jeher Abacate genannt, im Niederländischen wurde daraus das Wort “Advokaat”.

 

Im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts begannen einige der Kolonisten - vermutlich handelte es sich um niederländische Siedler aus der Gegend um Recife - damit, den von den Ureinwohnern übernommenen Abacate mit importierten oder selbst hergestellten Rohrzucker und Rum bzw. Zuckerrohrschnaps zu vermischen. Dieses nach Angaben von Zeitgenossen äußerst wohlschmeckende Getränk war bald darauf in den gesamten portugiesischen und niederländischen Kolonien in Südamerika sehr beliebt und entwickelte sich zu einer landestypischen Spezialität. So war es nur natürlich, dass irgendwann einige Händler daraus Gewinn schlagen wollten, indem sie den Trunk nach Europa exportierten und dort als exotische Besonderheit aus Übersee verkauften. Das einzige Problem war nur, dass die empfindlichen Avocados die monatelange Überfahrt nach Europa nicht allzu gut überstanden und noch vor der Ankunft in den Häfen von Lissabon, Sevilla, London oder Antwerpen verdarben. Auch die Pflanze selbst konnte in keinem der europäischen Länder erfolgreich kultiviert werden. Aus dem geplanten brasilianischen Exportschlager wurde also nichts.

 

Im Gegensatz dazu gelang es den Niederländern, die im Jahr 1654 von den Portugiesen aus Südamerika vertrieben worden waren, in ihrem wachsenden Kolonialreich in Indonesien die Avocado erfolgreich anzubauen. Aber auch hier blieb die Frucht auf das Ursprungsland beschränkt und konnte nicht über größere Strecken transportiert werden. Als die Sache längst aufgegeben war, hatte der niederländische Destillateur Eugen Verpoorten im Jahr 1876 im deutschen Heinsberg schließlich die durchschlagende Idee, anstatt der Avocados Eidotter zu verwenden. Diese beiden Lebensmittel haben auf den ersten Blick nicht das Geringste miteinander zu tun, dennoch mutet püriertes Avocadofruchtfleisch in Aussehen und Konsistenz tatsächlich ein wenig wie geschlagenes Eigelb an. Was Verpoorten letztlich auf diese abwegige Idee gebracht hat, wird wohl niemals ergründet werden können. Der Erfolg gab ihm jedoch recht, denn um die Jahrhundertwende waren Eierliköre – von Verpoorten in Anlehnung an das Getränk der brasilianischen Ureinwohner Abacate “Advokaat” genannt – gerade in Mitteleuropa überaus beliebt.

           

Heute gibt es Eierliköre in vielen verschiedenen Variationen, ob “klassisch” oder mit den Aromen von Nüssen, Vanille usw. Hierzulande seit einigen Jahrzehnten aus der Mode gekommen, erfreuen sich Eierliköre vor allem in den Niederlanden unverändert großer Beliebtheit.