Deutscher Wein

Unter den keltischen und germanischen Völkern Zentraleuropas war die Herstellung von Wein entgegen der landläufigen Meinung schon in der vorrömischen Zeit bekannt. Entscheidende Fortschritte wurden tatsächlich jedoch erst durch die römischen Kriegszüge in Gallien (Frankreich) und Germanien im letzten Jahrhundert v. Chr. unter Julius Cäsar (100 – 44 v. Chr.) gemacht. Dank Cäsars Zielstrebigkeit und militärischem Geschick eroberten die Römer ganz Gallien und stießen in Germanien bis zu Rhein und Mosel vor, mancherorts sogar darüber hinaus. Zur Versorgung der in den eroberten Gebieten stationierten Legionäre wurden meist in der unmittelbaren Nähe strategisch bedeutsamer Kastelle Weinberge angelegt und mit aus Italien importierten, aber zum Teil auch einheimischen Rebsorten bepflanzt. Unter Kaiser Probus wurde dann im 3. Jahrhundert n. Chr. den unterworfenen Völkern gestattet, selbst Weinbau zu betreiben und eigene Rebflächen anzulegen, weshalb Probus noch heute in vielen Gegenden nördlich der Alpen als der Bringer des Weinbaus angesehen wird. Tatsächlich gewann der dortige Weinbau nach diesem Erlass sprunghaft an Bedeutung.

 

Mit dem schleichenden Verfall des Weströmischen Reiches, der in den beiden nächsten Jahrhunderten immer deutlicher zutage trat, änderte sich zunächst nicht viel im Land der Germanen. Aufgrund des rauen, nur wenig kultivierten Landes mit dichten Urwäldern und dem vielerorts kühlerem Klima, konnte sich der Weinbau, ganz im Gegensatz zu Frankreich, nur bedingt weiter ausbreiten. Dennoch wurden im 8. Jahrhundert die ersten, noch heute existierenden Weinberge in schriftlichen Dokumenten oder Schenkungsurkunden erstmalig erwähnt, allen voran die Lage “Niersteiner Glöck”, die mit Bezug auf ein Schriftstück aus dem Jahre 742 als die älteste in ganz Deutschland angesehen werden kann.

 

Zu dieser Zeit war die katholische Kirche durch großzügige Landübereignungen durch die herrschenden Adelsgeschlechter bereits zu einem der bedeutendsten Landbesitzer Europas herangewachsen. Die der Kirche unterstehenden Ländereien wurden für gewöhnlich von den Mönchen eines ortsansässigen Klosters verwaltet und kontrolliert. Für sie war Wein, neben dem eigenen Genuss und als Handelsgut, in Form von Messwein, also für die symbolische Wiederholung des Letzten Abendmahls, von besonderer Bedeutung. Die Regeln einiger Ordensgemeinschaften, wie z. B. der Kartäuser, verpflichteten ihre Brüder sogar dazu, bei der Neugründung eines Klosters für die Anlage und den Unterhalt eines Weinbergs zu sorgen. Die Klöster waren somit für die kommenden Dekaden die Zentren der Weinwirtschaft, in denen gleichzeitig neue Techniken entwickelt und erprobt wurden. Doch auch der Adel ist in dieser Beziehung nicht zu unterschätzen, da er ebenfalls über weitläufige Landstriche gebot und, sofern die klimatischen und geologischen Voraussetzungen dafür in Betracht kamen, an einer gewinnbringenden Förderung des Weinbaus interessiert war. In besonderem Maße förderlich war dieser Entwicklung die sog. “Mittelalterliche Warmzeit”, eine vom 9. bis zum 14. Jahrhundert andauernde natürliche Warmphase, zu der die Durchschnittstemperaturen um bis zu 1° C höher lagen als heute.

 

Bis zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges (1618 - 1648) erreichte der Weinbau auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands seinen Höhepunkt. Selbst in klimatisch ungünstigen Regionen, die heute für solche Zwecke undenkbar wären (z. B. in Teilen Norddeutschlands, West- und Ostpreußen, Schlesien), wurden Rebflächen angelegt. Auch wenn über die Qualität der dort gekelterten Weine nur spekuliert werden kann, so erreichte der europäische Weinbau zu dieser Zeit doch seine größte geographische Ausdehnung. Neben der ausklingenden Warmperiode sorgte zudem die zunehmende Kultivierung des Landes, wie Waldrodung, Bewässerung und der Straßenbau, für die Nutzbarmachung von bisher abgelegenen Gegenden. Experten schätzen die damals vorhandene Gesamtrebfläche aller deutschen Länder (inklusive ehemals deutschsprachiger Regionen wie dem Elsass, West- und Ostpreußen und Schlesien) auf rund 300.000 ha, was dem Dreifachen der heute vorhandenen Bestandsfläche entspricht.

 

Vor allem das Umland entlang des Rheins entwickelte sich zur bedeutenden Weinregion mit denkbar günstigsten Verkehrsanbindungen (Flussschiffahrt) nach Holland, England und Skandinavien. Städte wie Köln, Frankfurt und Straßburg florierten und wurden nicht zuletzt dank des Weinhandels reich und mächtig - Köln war zeitweise mit über 10.000 Einwohnern gar die größte Stadt Deutschlands, ja sogar größer als Paris. Obwohl schon vor 1618, vor allem aufgrund der wachsenden Konkurrenz aus Frankreich und Italien, ein allmählicher Niedergang vieler deutscher Weinorte, zu allererst natürlich derjenigen in den Randgebieten der klimatischen Weinbauzone, zu beobachten war, so brachte doch erst der Dreißigjährige Krieg die mit einem apokalyptischen Paukenschlag eingeläutete Wende.

 

Dieser Konflikt der Konfessionen wurde weitestgehend und hauptsächlich in deutschen Landen ausgefochten; keine noch so kleine Provinz blieb von den Verheerungen verschont, die mancherorts über die Hälfte der Bevölkerung das Leben kostete. In der Folge waren nicht nur arbeitsfähige Bauern knapp, die die Weinberge bewirtschaften konnten, vielmehr bestand das dringlichste Problem darin, die Versorgung der Menschen mit Brot zu gewährleisten. Dem Ackerbau gehörte nun der Vorzug und viele Weinberge wurden aufgegeben und verwilderten. Mit dem verstärkten Anbau von Getreide nahm auch die Bedeutung des Bieres als wichtigstem Kulturgetränk wieder stetig zu.

 

In den Jahrhunderten nach dem Krieg wurden vielerorts von den herrschenden Fürsten, Grafen und Erzbischöfen Versuche unternommen und Gesetze erlassen, die für eine Verbesserung der Weinqualität Sorge tragen sollten. Minderwertige Rebsorten wurden ausgerottet, hochwertige, wie bspw. die Rieslingtraube, verstärkt angebaut und kultiviert.

 

Der Vormachtstellung der Kirche im rheinischen Weingewerbe setzte erst Napoleon Bonaparte (1769 – 1821) durch seine Kriegszüge, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts ganz Europa in Atem hielten, ein jähes Ende. Er entmachtete und enteignete den Klerus, ließ deren Güter an wohlhabende Bürger oder Händler versteigern und sorgte so für eine teilweise Neuordnung der Besitzverhältnisse.

 

Um das Jahr 1870 brach schließlich eine neuerliche Katastrophe von ungeahnten Ausmaßen über die Winzer herein: Die Reblaus befiel, begünstigt durch dichte und weitreichende Pflanzungen, Weinberg um Weinberg und vernichtete innerhalb weniger Jahre beinahe den gesamten europäischen Rebbestand. Die Weinproduktion kam praktisch zum Erliegen, viele Winzer sahen sich dem Ruin nahe, emigrierten in Länder wie Argentinien, Australien und Südafrika, und beeinflussten maßgeblich den dortigen Weinbau. Nur sehr widerstandsfähige oder abgelegen stehende Reben blieben erhalten. Mit Hilfe der wenigen überlebenden Rebstöcke sowie der Technik des Pfropfens auf Schädlingsresistente Wurzeln vor allem amerikanischer Sorten, konnten um die Jahrhundertwende viele Gebiete neu bestockt werden.

 

Nachfolgend bemühten sich in besonderem Maße deutsche Winzer um die Züchtung neuer Rebsorten, sowie um die Verbesserung der Anbau- und Keltermethoden. Zudem sollten eine ganze Reihe von Gesetzen, die Dinge, wie zu verwendende Rebsorten, das Pfropfen und den Anbau regelten, eine Wiederholung der Reblauskatastrophe verhindern. Die Gründung von Winzergenossenschaften sollte zudem die Kooperation und Konkurrenzfähigkeit der Winzer erleichtern.

               

Heute beträgt der Rebbestand in Deutschland rund 102.500 ha. Auf dieser Fläche produzieren 80.000 Winzer etwa 9,5 Mio. Hektoliter Wein im Jahr. Der absolute Großteil davon gelangt auf den heimischen Markt, während 1/5 nach Großbritannien, in die Niederlande, die USA und andere Länder exportiert wird.


Die Region

Das Klima in Deutschland ist weitestgehend mild, mit warmen, regenreichen Sommern und moderaten Wintern. Die größten deutschen Weinbauflächen befinden sich in der südlichen Hälfte des Landes unterhalb des 50. Breitengrades, dem  äußersten Rand der klimatisch günstigen Weinbauzone. Weinberge befinden sich deshalb oftmals an geschützten Stellen in Flussnähe oder an steilen, nach Süden oder Westen ausgerichteten Hügeln. Der so zur Sonneneinstrahlung ausgerichtete Boden nimmt die Wärme bei Tage auf, speichert sie, gibt sie des Nachts wieder ab und bewahrt die Reben so vor nächtlichem Frost. Zudem macht die nördliche Lage die Verwendung besonders frühreifer und kälteresistenter Rebsorten notwendig. Dennoch unterscheiden sich die einzelnen Regionen vor allem in Bezug auf die Bodenbeschaffenheit  voneinander, was sich ebenfalls im Geschmack des Weins niederschlägt. Zudem sorgt das milde Klima im Vergleich zu südlicheren Ländern für eine längere Reifezeit der Trauben, wodurch sich Aroma und Geschmack intensiver ausprägen können.

 

Die wichtigsten deutschen Anbaugebiete sind: Ahr (1), das größte deutsche Weinbaugebiet für Rotweine, Baden (2), Franken (3), Hessische Bergstraße (4), Mittelrhein (5), Mosel (6), bis 2006 als Mosel-Saar-Ruwer bezeichnet, ist Deutschlands älteste Weinregion, Nahe (7), Pfalz (8), Rheingau (9), Rheinhessen (10), das größte Weingebiet des Landes mit dem ältesten, urkundlich erwähnten deutschen Weinberg Niersteiner Glöck, Saale-Unstrut (11), Sachsen (12), das nordöstlichste       deutsche Weingebiet,    Württemberg (13), das ebenfalls vor allem für seine Rotweine bekannt ist.




Die Weine

Vor allem deutsche Weißweine sind für ihren Geschmack und ihre Qualität in aller Welt berühmt. Das kühlere, für Weinbau schon beinahe untypische Klima macht die Verwendung frühreifer, kälteunempfindlicher Rebsorten unabdingbar. Auf der anderen Seite sorgt gerade das milde Wetter dafür, dass die Trauben länger ausreifen können (oder müssen), bevor sie geerntet werden, also länger am Stock hängen bleiben. Während sich vor allem Rieslingweine weltweit einen Namen gemacht haben, sind Rotweine in bescheidenerem Ausmaß vor allem auf dem heimischen Markt vertreten.

 

Die bedeutsamsten Rebsorten sind: Weiß: Riesling, Müller-Thurgau, Silvaner, Grauburgunder, Weißburgunder, Kerner, Bacchus, Scheurebe, Chardonnay, Gutedel, Gewürztraminer; Rot: Spätburgunder, Dornfelder, Blauer Portugieser, Trollinger, Schwarzriesling, Regent, Lemberger, St. Laurent.

 

Das deutsche Weinrecht  teilt die Weine in drei Kategorien ein, die sich  nach  dem Mindest-Mostgewicht, also dem natürlichen Mindest-Zuckergehalt der Trauben zum Zeitpunkt der Lese, der Herkunftsregion, sowie bei den beiden obersten Qualitätsstufen nach einer amtlich durchgeführten sensorischen Prüfung (Optik, Nase, Geschmack) richten:


Wein

(Bis August 2011 „Tafelwein“) – dies stellt die einfachste Qualitätsstufe dar. Die Weine müssen lediglich von  zugelassenen Rebflächen stammen, aus den zugelassenen Rebsorten hergestellt werden und die Trauben vor der Anreicherung ein Mindest-Mostgewicht von 44° Oechsle (entspricht alc. 5% vol.) bzw. 50° Oechsle (alc. 6% vol.; nur gültig für Baden) aufweisen. Die Angabe eines Herkunftsortes auf dem Etikett ist nicht erlaubt, da die Weine auch verschnitten werden dürfen. Tafelweine sind fast immer schlichte Weine ohne besondere Eigenschaften, allerdings gibt es auch hier Ausnahmen. Lehnt ein Winzer bspw. eine amtliche Prüfung aus welchen Gründen auch immer ab, so wird sein Produkt automatisch als Tafelwein bzw. Landwein eingestuft.


Wein mit geschützter geografischer Angabe

(Wein g.g.A.; bis August 2011 „Landwein“) hierbei handelt es sich um einen Tafelwein höherer Qualität. Das Mindest-Mostgewicht der Trauben vor der Anreicherung muss 47° Oechsle (entspricht alc. 5,5% vol.) betragen und die Weine dürfen ab dieser Kategorie nicht mehr verschnitten werden. Die Angabe der Herkunftsregion ist Pflicht. Die Geschmacksrichtung muss trocken oder halbtrocken sein.


Wein mit geschützter Ursprungsbezeichnung

(Wein g.U.; bis August 2001 „Qualitätswein bestimmter Anbaugebiete“ QbA) Weine dieser Kategorie müssen aus einem der 13 deutschen Weinbaugebiete stammen und ein natürliches Mostgewicht von mindestens 57 bzw. 72° Oechsle (je nach Herkunft und Rebsorte; entspricht alc. 7 bzw. 9% vol.) aufweisen. Eine amtliche Prüfung entscheidet darüber, ob der Wein eine ausreichende Qualität aufweist (eine Prüfnummer ist auf dem Etikett vermerkt). Diese Weine lassen sich außerdem in weitere Unterkategorien einteilen (Prädikatsweine), die sich wiederum nach dem jeweiligen Mindest-Mostgewicht der Trauben richten:


Kabinett

Das Mindest-Mostgewicht liegt zwischen 67 und 83° Oechsle. Diese Weine sind meist leicht und alkoholarm.


Spätlese

Aus Trauben, die erst nach der Hauptlese geerntet werden. Mit mindestens 76 bis 90° Oechsle.


Auslese

Ausschließlich aus vollreifen Trauben, beschädigte oder unreife Trauben dürfen nicht verarbeitet werden. Mit mindestens 83 bis 100° Oechsle.


Beerenauslese

Aus überreifen, edelfaulen Trauben, die meist von Hand aussortiert werden müssen. Mit mindestens 110 bis 128° Oechsle.


Trockenbeerenauslese

Aus edelfaulen Trauben, die eingetrocknet sind und ein rosinenartiges Aussehen haben. Mit mindestens 150 bis 154° Oechsle.


Eiswein

Aus edelfaulen, überreifen Trauben, die bei mindestens -7° C in gefrorenem Zustand geerntet werden. Da das Wasser der Beeren zu Eis erstarrt ist, gelangt es beim Pressen nicht in den Most, wodurch man einen konzentrierten Saft erhält. Das Mindest-Mostgewicht muss 110 bis 128° Oechsle betragen.


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