Chartreuse

Chartreuse ist der Name einer französischen Kräuterlikör-Marke aus der Stadt Voiron nahe Grenoble.


Hintergrund

Die Geschichte der Marke reicht zurück bis in das Jahr 1605. Der Adlige Francois Hannibal d'Estrees, gleichsam Artillerie-Marschall des Königs von Frankreich, überließ damals den Kartäusermönchen von Vauvert, einem Vorort von Paris, ein aus dem vorigen Jahrhundert stammendes Rezept, das die Zutaten für ein “Elixiers des langen Lebens” barg. Die Rezeptur aus 130 Zutaten war jedoch dermaßen komplex, dass die Mönche nur Teile davon verstanden, umsetzen und somit zu einem Tonikum verarbeiten konnten. Die exakte Umsetzung aller Herstellungsschritte gelang erst 1737 dem Mönch und Apotheker Jérôme Maubec.

 

Zu diesem Zeitpunkt befand sich das Rezept zu Studiumszwecken im ältesten Kloster des Kartäuserordens in Frankreich, im Kloster La Grande Chartreuse (“Die Große Kartause”) in den Bergen unweit der Stadt Grenoble im Südosten des Landes. Die Mönche nannten es “Elixier Végétal de la Grande Chartreuse” und verkauften es als Heilmittel in Grenoble und der näheren Umgebung des Klosters. Da viele Menschen das “Elixier” schon bald weniger als Heilmittel nutzten, sondern vielmehr als berauschendes Getränk missbrauchten, beschlossen die Mönche im Jahre 1764, einen Kräuterlikör mit verringertem (!) Alkoholgehalt von 55% vol. anzubieten.

 

Als im Zuge der Französischen Revolution neben dem Adel außerdem viele religiöse Gruppen verfolgt wurden, verließen auch fast alle Mönche des Kartäuserordens 1793 fluchtartig das Land. Um allen Eventualitäten vorzubeugen wurde eine Abschrift der Rezeptur angefertigt und einem der zurückbleibenden Mönche anvertraut; das Original wurde unterdessen außer Landes geschafft. Zwar wurde der fliehende Kartäuser unmittelbar nach Verlassen des Klosters aufgehalten, doch konnte er das Manuskript noch wenige Augenblicke zuvor an seinen Begleiter Dom Basile Nantas weiterreichen. Dom Basile, aufgrund der Verfolgungen unfähig wieder nach Frankreich zurückzukehren, gleichsam mangels entsprechender Kenntnisse nicht dazu in der Lage, die Rezeptur zu verstehen, verkaufte das Manuskript auf dem Weg ins Exil an den grenobler Apotheker Monsieur Liotard.

 

Liotard machte sich nie die Mühe, die Rezeptur zu verarbeiten, doch folgte er dem Erlass Kaiser Napoleons aus dem Jahre 1810, demzufolge alle geheimen medizinischen Heilmittel an das Innenministerium ausgehändigt werden sollten. Erstaunlicherweise wurde die Rezeptur nur wenige Wochen später an Liotard zurückgeschickt mit dem Vermerk, dass sie keineswegs geheim, sondern mittlerweile bekannt sei. Zwar hatte sich die Regierung bei der Durchsuchung des Klosters La Grand Chartreuse der Abschrift bemächtigt, doch war in Abwesenheit der Mönche niemand mehr in der Lage, den Kräuterlikör herzustellen und so stand die Produktion still, bis die Mönche 1816 nach dem Ende der Revolution und dem Sturz Napoleons in ihre Klöster zurückkehren konnten. Etwa zur selben Zeit starb Monsieur Liotard und seine Erben händigten das Manuskript umgehend an die Kartäusermönche aus.

 

Knapp 90 Jahre später, in 1903, wurde die Chartreuse-Destillerie aus nicht näher bekannten Gründen von der französischen Regierung verstaatlicht und die Mönche sahen sich einmal mehr gezwungen, Frankreich zu verlassen, nicht jedoch ohne das Rezept mitzunehmen. Sie gründeten 2 neue Destillerien, eine im spanischen Tarragona und eine, von 1921 bis 1929, in Marseille. Von dort aus produzierten und vertrieben sie ihren mittlerweile weltberühmten Kräuterlikör unter dem Namen “Tarragona Chartreuse”. Die Regierung in Frankreich verkaufte unterdessen die Marke “Chartreuse” an eine Gruppe von privaten Brennern, die fortan die alte Klosterdestillerie bei Grenoble betrieben. In Ermangelung des Original-Rezepts war dieses Unternehmen jedoch nicht in der Lage den Kräuterlikör in ausreichender Qualität herzustellen und ging bereits nach wenigen Jahren bankrott.

 

Im Jahr 1929 wurde die genannte Brennerei von Gönnern und Freunden der Kartäusermönche gekauft und diesen als Geschenk übergeben. Damit war der zweite so unselige staatliche Eingriff in die Angelegenheiten der mönchischen Schnapsbrenner abgewehrt. Wie um jedoch die Kartäuser einer letzten Prüfung zu unterziehen zerstörte 1935 eine abgehende Gebirgslawine die 1860 errichtete Destillerie in Fourvoirie unweit des Klosters. Daraufhin wurde die neue, noch heute bestehende Anlage im Ort Voiron erbaut.

 

Bis heute werden die geheimen Kräutermischungen nur im Kloster La Grand Chartreuse bei Grenoble von 2 Mönchen, die als einzige die genaue Rezeptur kennen, zusammengestellt und anschließend in die Destillerie nach Voiron zur weiteren Verarbeitung gebracht. Aus Sicherheitsgründen dürfen die beiden Mönche niemals gemeinsam verreisen, da bei einem Unfall die Rezeptur für immer verloren wäre, und erst nach dem Ableben einer der beiden wird ein Nachfolger in die Geheimnisse der Chartreuse-Herstellung eingeweiht. Über das genaue Herstellungsverfahren ist nicht sehr viel bekannt, lediglich, dass die Aromen von 130 Kräutern, Gewürzen und Wurzeln auf dem Wege der Mazeration (= Einlegen in Neutralalkohol; bei Chartreuse wird jedoch Weinalkohol verwendet) gewonnen werden. Danach wird dieser Kräutersud destilliert, mit destilliertem Honigwein und Zuckersirup vermischt und zur Reife für mehrere Monate in Eichenfässer gefüllt. Die Dauer von Mazeration und Fasslagerung ist ebenfalls unbekannt.


Produkte


Chartreuse Élixir Végétal

Nach dem Ursprungsrezept von 1605; seit 1737 von den Mönchen hergestellt; alc. 71% vol.


Chartreuse Grün/Verte

Seit 1764; die grüne Farbe stammt ausschließlich von Kräutern und Gewürzen, ohne künstliche Farbstoffe; alc. 55% vol.


Chartreuse Gelb/Jaune

Seit 1838; milder und süßer als sein grüner Vorgänger; alc. 40% vol.


Chartreuse V.E.P.

“Vieillissement Exceptionellement Prolongé”; nach demselben Rezept wie Chartreuse grün/gelb, jedoch mit längerer Reifezeit in Eichenfässern; erhältlich in Gn/Verte (alc. 54% vol.) und Gelb/Jaune (alc. 42% vol.).


Chartreuse Liqueur Du 9° Centenaire

1984 zum 900jährigen Jubiläum des Kartäuserordens kreiert; dieser Likör wird in einer nachempfundenen Flasche aus dem 18. Jahrhundert mit laufender Seriennummer angeboten; alc. 47% vol.


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