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Von Nachtschwärmern & Schnapsdrosseln - Deine Mutter . . .

Von Nachtschwärmern & Schnapsdrosseln - Deine Mutter . . .

Foto: Pixabay


Mutterwitze – wer kennt sie nicht. Sie sind nicht besonders nett, im Gegenteil sogar ausgesprochen heimtückisch, weil sie nicht das Ziel der vulgären Offensive direkt angreifen, sondern eine nahestehende Person. Eine Person, die man instinktiv beschützen möchte. Deshalb wirken Mutterwitze bei dünnhäutigen Menschen, vornehmlich bei solchen des männlichen Geschlechts, wie Molotow-Cocktails, die das Testosteron in kürzester Zeit in einen wild auflodernden Feuerteppich verwandeln können. In jedem Fall aber sind solcherart Witze mit Vorsicht anzuwenden und nicht gerade dafür geeignet, sich bei anderen beliebt zu machen.

 

 

Während einer angenehm frischen Frühlingsnacht unter der Woche, 2:00 Uhr. Die Bar gehörte wieder einmal ausschließlich den Stammgästen, allesamt Köche und Kellner der benachbarten Lokale. Drei von ihnen bevölkerten einen der Tische, ein einzelner Kellner leistete mir am Tresen ein wenig Gesellschaft. Alles in allem war die Stimmung entspannt und ich bereitete mich auf einen zeitigen Feierabend vor. 

 

 

Als Nachzügler betrat gegen 2:30 Uhr ein Barmann, ebenfalls aus der Nachbarschaft, die nur spärlich besuchte Bar – es handelte sich um S., der schon zuvor scherzhaft als Angehöriger der hiesigen Russenmafia enttarnt worden war.

 

 

Wie es die Eigenheit von S. nun mal ist, war dessen Auftritt auch an diesem Abend von lautstarken Kommentaren und derben Sprüchen begleitet, wodurch er sogleich die Aufmerksamkeit der versammelten Kundschaft auf sich zog. Schnell wurde klar, dass keinem der Anwesenden S. nicht bereits bekannt war. Und so wurden einige Begrüßungen und die fließend darin übergehenden kumpelhaften Beleidigungen ausgetauscht, dann entschied sich der Neuankömmling für einen Platz am Tresen, in unmittelbarer Nähe des dort sitzenden Kellners.

 

 

Auch zwischen diesen beiden wurde zunächst einmal ein kleines und nettes Wettrüsten im Sprücheklopfen ausgetragen, bis sich der aufgekratzte aber durchaus nicht übel gelaunte S. schließlich dazu veranlasst sah, das Spielchen noch um eine Stufe anzuheben: das verbale Duell wurde nun auf dem Level von spätpubertären Mutterwitzen ausgetragen.

 

 

„Deine Mutter ist so fett, die sitzt im Kino neben sich selbst!“, eröffnete S. das Gefecht.

 

 

„Google Earth hat angerufen – Deine Mutter steht im Bild.“, kam es nach einem kurzen, gelangweilten Stöhnen zurück.

 

 

Und nun wieder S.: „Deine Mutter ist so hässlich, dass Dein Vater sie mit auf die Arbeit nimmt, um ihr keinen Abschiedskuss geben zu müssen.“

           

 

Es gab Gelächter auf beiden Seiten der Front.

 

 

Unvermittelt und ohne jede Vorwarnung sprang dann jedoch einer der Gastronomen am Tisch auf und preschte wutentbrannt von hinten an den noch immer freudig grinsenden S. heran.

 

 

„Was hast Du gerade über meine Mutter gesagt!“, schrie der plötzlich aggressive Kerl – es handelte sich um einen Koch aus dem Restaurant nebenan, wie sich später herausstellen sollte – den vollkommen verblüfften Bartender an.

            

 

S. drehte sich daraufhin mit verwirrtem Gesichtsausdruck zu dem Aufgebrachten um, brachte vor lauter Überraschung aber kaum einen vernünftigen Satz hervor. Auch der Kellner am Tresen und ich waren derartig baff, dass wir den Koch nur fassungslos anstarren konnten.

              

 

S. stammelte gerade etwas wie „Ich hab‘ doch überhaupt nichts über Deine Mutter gesagt . . .“, als sein Gegenüber in einem unkontrollierbaren Anflug von Aggression ihn auch schon am Kopf packte und sodann versuchte, dessen Gesicht mit Wucht auf die Theke zu knallen. Allerdings hatte der durchgedrehte Koch die Rechnung ohne den Stiernacken von S. gemacht, denn es gelang ihm nicht, genügend Kraft aufzubauen um die 90° Bewegung bis zu ihrem hölzernen Ende abzuschließen.

          

 

Als das grundlos gekränkte Muttersöhnchen erkennen musste, dass seine Armmuskeln den Nackenmuskeln seines Opfers nicht gewachsen waren, entschied es sich schnell zu einer alternativen Vorgehensweise: es verpasste S. mit einem Ruck eine derbe Kopfnuss mit der eigenen Stirn.

            

 

Doch auch dieser Versuch, den Pseudo-Russen in die Knie zu zwingen, scheiterte kläglich. Dieser zeigte sich physisch kaum beeindruckt, sondern war lediglich noch immer nicht recht dazu in der Lage, sich aus seiner Verwirrung zu befreien. Er stand erschrocken und fragend da und machte nicht den geringsten Versuch, sich auf irgendeine Art und Weise zu wehren. Die Russenmafia ist wohl auch nicht mehr das, was sie einmal war.

       

 

Der austickende Koch indessen ließ seiner aus unverständlichen Gründen überkochenden Wut freien Lauf, warf Tische und Stühle um, und forderte S. wiederholt auf, diese „Sache“ draußen vor der Tür zu klären.

 

 

„Sei ein Mann S.! Sei ein Mann! Los, wir klären das draußen!“

           

 

Inzwischen hatten sich die bislang unbeteiligten Zuschauer gesammelt und griffen ein. Der Kellner, dem die derben Mutterwitze eigentlich gegolten hatten, stellte sich schützend vor S., ein Arbeitskollege des Durchgedrehten redete beschwichtigend auf diesen ein, während ich über den Tresen brüllend den Schwachmaten aufforderte, hier sofort zu verschwinden. Doch der Kerl dachte überhaupt nicht daran sich zu beruhigen, und so eilte ich schließlich hinter der Theke hervor um ihn notfalls mit Gewalt zur Tür hinaus zu befördern.

            

 

Doch noch bevor ich bei dem Krawallmacher angekommen war, hatte sich dessen Kollege bereits zu einer drastischeren Maßnahme entschlossen: er versuchte dem Brüllaffen mittels Polizeigriff den Arm auf den Rücken zu drehen – was letztlich in eine wilde Rangelei ausartete. Beide stürzten gemeinsam, wie zwei Fliegen bei der Paarung aneinander klebend, in die andere Ecke des Schankraumes, und hinterließen dabei ein wildes Durcheinander aus umgeworfenen Stühlen, verschobenen Tischen und zerborstenen Gläsern. Ausgerechnet der irre Koch war wieder als erster auf den Beinen und machte umgehend Anstalten, erneut auf S. loszugehen.

           

 

Doch die schützende Mauer aus dem korpulenten Kellner und mir selbst konnte der schmächtige Kerl nicht durchdringen. Ich schob ihn vor mir her zur Tür hinaus und hielt ihn dort solange in Schach, bis der mit ihm Gestürzte sich ebenfalls wieder aufgerappelt hatte und meine Position einnehmen konnte. Danach huschte ich zum Telefon und rief die Polizei.

           

 

Die Kombination aus den Wörtern „Kneipe“ und „Schlägerei“ zeigte Wirkung, denn noch nie hatte ich die Helfer in Blau so schnell erscheinen sehen. Es waren wohl keine zwei Minuten vergangen, da sah ich auch schon drei Streifenwagen mit Blaulicht vorbeifahren - allerdings schienen die Beamten über den Ort des Geschehens etwas verwirrt zu sein, denn die Wagen fuhren tatsächlich vorbei und bemerkten wohl erst an der nächsten Querstraße ihren Irrtum. Doch schließlich erreichten sie die in wüster Unordnung befindliche Bar, als der Unruhestifter noch immer im Türrahmen stehend von uns abgeschirmt wurde.

            

 

Ein Hüne von einem Polizisten, der Kerl hätte wohl ohne Weiteres die Rolle des „Thor“ übernehmen können, wurde als unüberwindbarer Wellenbrecher gegen den Schläger ins Feld geführt, während sich die übrigen Beamten im Halbkreis hinter dem Wikingergott in Stellung brachten. Der im Gegensatz dazu geradezu winzig wirkende übergeschnappte Kerl musste allerdings nicht nur unter ernsthaften psychischen Problemen gelitten, sondern außerdem noch eine beachtliche Menge Kokain genommen haben, denn für einen Moment hatte ich wirklich den Eindruck, er würde dem Hünen an die Gurgel springen. Das nun wäre durchaus interessant gewesen.

            

 

Nach einigen Minuten des Zuredens gelang es den Beamten endlich, den Giftzwerg vollends ins Freie zu lotsen. Von dem unnötigen Problem befreit, schuf ich zunächst ein wenig Ordnung, kehrte dann hinter den Tresen zurück und ließ mir das Geschehen der vergangenen 15 Minuten gemeinsam mit dem Kellner und S., die als einzige im Lokal verblieben waren, noch einmal auf der Zunge zergehen. Irgendwann erschien eine nette Beamtin um unsere Personalien aufzunehmen und um sich zu erkundigen, ob S. Anzeige erstatten möchte. Er verneinte und hatte bereits sein Lachen und seinen herben Humor wiedergefunden. Allerdings fiel mir ein schönes Einhorn ins Auge, das sich langsam aber sicher in der Mitte von S. Stirn entfaltete.

          

 

Während wir uns verwundert über das Erlebte austauschten, sah ich draußen noch ein oder zweimal den verrückten Koch inmitten der Polizeibeamten wütend aufspringen. Aber es geschah nichts weiter. Bald darauf ließen sie ihn gehen und er verschwand aus meinem Sichtbereich.

            

 

Als auch die Beamten wieder abgerückt waren, ließ S. einige reuige Töne verlauten – reuig dahingehend, dass er dem kleinen Irren nicht ordentlich gezeigt hatte, was eine Harke ist. Der Stolz hatte wohl erst mit einiger Verzögerung angefangen zu bluten. Doch war ich unglaublich froh, dass S. sich nicht auf handgreifliche Weise zur Wehr gesetzt hatte. Es wäre dem Koch wohl nicht allzu gut bekommen.

 

           

 

Und ein Einhorn auf der Straße war schließlich mehr als genug.

 

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