Kleider machen Leute - die Berufsbekleidung

Kleider machen Leute - die Berufsbekleidung

Foto: Pixabay


Einen guten Teil unserer Lebenszeit verbringen wir mit Arbeit, statistische Erhebungen gehen im Durchschnitt in Deutschland von acht Jahren aus (Quelle: „Der Mensch in Zahlen“ von Konrad und Steffen Kunsch). Das klingt zunächst vielleicht weniger, als man erwarten würde, denn viele haben wohl das Gefühl, mehr Zeit an ihrem Arbeitsplatz zu verbringen, als zu Hause. Man muss sich jedoch klar machen, dass es sich hierbei um acht durchgehende Jahre handelt, so als würden wir acht mal 365 Tage zu je 24 Stunden ohne Pause malochen. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von rund 80 Jahren sind das immerhin 10% der kostbaren Zeit, die wir auf Erden verbringen. Die Arbeit hat demnach schon allein vom zeitlichen Aspekt her einen sehr großen Einfluss auf uns, doch soll dieser Artikel gar nicht davon handeln. Stattdessen möchte ich ein anderes Detail beleuchten, das nur wenig Beachtung zu finden scheint und doch nicht unterschätzt werden sollte, nachdem wir nun festgestellt haben, in welchem Maße die Arbeit unsere Lebenszeit aufzehrt - denn die meisten von uns (freilich nicht alle) tragen, während sie ihren Beruf ausüben, irgendeine Art von Kleidung. Ein Zehntel unseres Lebens stecken unsere Körper also in den mehr oder weniger gleichen Klamotten, was schon allein aufgrund dieser zeitlichen Dimension wohl nicht ohne Einfluss auf unseren Charakter bleiben sollte.

 

 

 

Jede Art des Brötchenerwerbs scheint eine eigene Form der Bekleidung herausgebildet zu haben, die man dort üblicherweise trägt, je nachdem ob Sicherheit, Bequemlichkeit, Tarnung oder eine seriöse Erscheinung von besonderer Wichtigkeit ist. So trägt ein Soldat Tarnfleck, der Mechaniker Blaumann, der Versicherungsvertreter Anzug und die Hairstylistin muss sich jeden Tag aufs Neue für ein anderes Outfit entscheiden. Neben dem eventuell vorhandenen praktischen Nutzen, die eine spezielle Kleidung mit sich bringt, wie z. B. Witterungsbeständigkeit, Robustheit oder Schmutzunempfindlichkeit, erfüllt sie oftmals zwar nichts davon, offenbart dafür aber den Status einer Person, unterstreicht ihre Autorität oder verschafft Respekt. Nehmen wir als Beispiel die Uniform eines Polizisten: Durch unser Wissen und unsere Erfahrung können wir den Träger einer solchen sofort als Ordnungshüter erkennen, wir ordnen ihn also automatisch und ohne nachzudenken einer bestimmten Gruppe unserer Gesellschaft zu. Das Wissen um die Besonderheit und außergewöhnlichen Befugnisse dieser Gruppe wiederum flößt uns (jedenfalls in aller Regel) ein gewisses Maß an Respekt ein und hält uns an, uns den Bürgern in Uniform gegenüber angemessen verhalten.

 

 

 

Betrachten wir als weiteres Beispiel einen Bankangestellten, der uns in Anzug und Krawatte – in gewissem Sinne ebenfalls eine Art Uniform - gegenübertritt. Seine Erscheinung vermittelt uns den Eindruck, glaubwürdig, ehrlich und verlässlich, kurzum: seriös zu sein. Gepaart mit der entsprechend Körpersprache und Ausdrucksweise würden wir kaum je auf den Gedanken verfallen, von ihm betrogen zu werden. Die Liste lässt sich beliebig erweitern, wenn wir z. B. einen Koch nehmen, dem wir in seiner ordentlichen und fleckenlosen Kochjacke ein weitaus höheres Maß an Hygiene zutrauen, als einem gepiercten Punker, der im mit Anti-Faschisten-Sprüchen bedruckten T-Shirt die Pfanne schwingt, oder einen Feuerwehrmann, der uns in seiner Schutzkleidung ein Gefühl der Sicherheit vermittelt – und unter Umständen sogar unsere sexuelle Phantasie anregt. Ähnliches gilt natürlich auch für Kellner und Bartender, die in Hemd, Stoffhose, Krawatte/Fliege usw. Professionalität ausstrahlen und obendrein auch noch (fast immer) gut dabei aussehen.

 

 

 

Was die letzten beiden Berufsgruppen angeht, so macht es einem die Gastronomie zumeist recht einfach, denn in der Regel wird den Angestellten vorgeschrieben, was sie zu tragen haben, häufig wird die Berufsbekleidung sogar ganz oder zumindest in Teilen vom Arbeitgeber gestellt. Manchmal ist es aber auch nur obligatorisch, eine bestimmte Farbe zur Schau zu tragen, ein weißes Hemd, eine Schürze oder ähnliches. Die Vorzüge von Uniformen, hierunter fasse ich auch jedwede Einheitskleidung im nicht-militärischen Sinne zusammen, sind:

 

 

 

  • Die Angestellten/Bediensteten sind alle gleich gekleidet und für Gäste/Kunden/Betroffene eindeutig als Angehörige von Polizei/Feuerwehr/Militär oder Mitarbeiter von Betrieb XY zu erkennen.
  • Niemand kann sich selbst durch besonders extravagante, auffällige oder teure Kleidung in den Vordergrund drängen.
  • Im Gegenzug wird niemand aufgrund seines nachlässigen oder billigen Kleidungsstils herabgesetzt. Der soziale Status einer Person wird durch Uniformität kaschiert.
  • Uniformen wecken Vertrauen, wirken professionell und beruhigend.
  • Sie stärken das Selbstbewusstsein des Trägers und fördern den Gruppenzusammenhalt.
  • Bestimmte Uniformen strahlen Autorität aus, gemahnen zur Ordnung und unter Umständen sogar zum Gehorsam.
  • Die Frage „Was soll ich heute bloß anziehen?“ stellt sich gar nicht erst. Dieser Punkt mag vergleichsweise unwichtig erscheinen, doch sollte man bedenken, wie viel Zeit mit der Auswahl oder Zusammenstellung eines passenden Outfits verschwendet werden und wieviel Unmut dadurch bei der betroffenen Person entstehen kann.

 

 

 

Uniformen besitzen sehr viele positive Eigenschaften, deshalb sind sie auch in jeder Gesellschaft und Kultur auf der ganzen Welt verbreitet. Die positiven Emotionen, die wir beim Anblick von Uniformen verspüren, entwickeln wir schon von klein auf und sie bleiben bestehen - bis uns die Erfahrung etwas anderes lehrt. Denn auch ein bestimmter Kleidungsstil oder eine Uniform kann niemals für sich alleine stehen, stets verbinden wir damit bestimmte Gefühle, die sich wiederum aus unserem Erfahrungsschatz speisen, und die selbstverständlich auch negativ sein können. Man muss nicht einmal ein extremes Beispiel wie Krieg wählen, der bei einigen Betroffenen eine panische Angst vor militärischen Uniformen auslösen kann, die auch bis weit über das Ende des Konflikts hinaus erhalten bleibt. Es genügt, wenn wir schon einmal von einem Anzugträger, vielleicht handelte es sich um einen Banker, Makler oder Versicherungsvertreter, betrogen oder von oben herab behandelt worden sind, und wir werden Menschen mit dieser Form der Berufsbekleidung in Zukunft mit großer Skepsis beäugen. Gleiches gilt für Polizisten, die von einigen (nicht immer unbegründet) in geradezu feindseliger Weise als brutale Vollstrecker eines ungerechten Staates wahrgenommen werden. Andererseits wurde aber auch in einigen Experimenten eindrucksvoll bewiesen, wie blind Menschen im Allgemeinen dazu neigen, einer Person in Uniform bedenkenlos zu gehorchen und sich deren Willen zu beugen.

 

 

 

Im vielleicht bekanntesten Versuch dieser Art, dem sogenannten Milgram-Experiment, wurden ahnungslose Probanden dazu aufgefordert, andere Teilnehmer (in Wahrheit handelte es sich um Schauspieler) mit Stromstößen zu traktieren, sobald diese auf eine Frage die Falsche Antwort gaben. Trotz der deutlich hörbaren (vorgetäuschten) Schmerzensschreie wurden die Probanden von den Versuchsleitern, die sich in einer Variante des Experiments als Ärzte in weißen Kitteln ausgaben, nach jeder falschen Antwort dazu gedrängt, die Stärke des Stromstoßes zu erhöhen. Nur etwa 1/3 brach den Versuch irgendwann ab, rund 2/3 der Probanden ließen sich hingegen durch die Autoritätsperson bis hin zur maximalen Spannung von 450 Volt drängen. Welche extremen Formen diese Art der Autoritätshörigkeit und der Ehrfurcht vor Uniformen unter Umständen annehmen kann, belegen gerade die finstersten Kapitel unserer Geschichte.

 

 

 

Die Uniformität wirkt sich allerdings nicht ausschließlich auf Außenstehende aus, auch mit den Trägern uniformierter Kleidung selbst geht eine Veränderung vor sich, sobald sie diese anlegen. Der vielleicht wichtigste Aspekt liegt wohl darin, dass man sich automatisch mit einer bestimmten, streng abgegrenzten Gruppe identifiziert – nämlich derjenigen, die die gleiche Kleidung trägt, wie man selbst. Es kann sich dabei sowohl um komplette Outfits (Polizei, Militär), als auch um auffallende oder besondere Einzelstücke einer Kleidung handeln (Anzug, Hemd & Krawatte, Kopftuch, Biker Kutte), die jemanden als Mitglied einer beruflichen oder sozialen Gruppe kennzeichnet. Verstärkt wird dieser Gruppeneffekt natürlich noch durch gemeinsame Aktivitäten, gemeinsame Ziele, Zusammenarbeit usw. So lässt sich der Zusammenhalt, das „Wir-Gefühl“ sogar derart steigern, dass auf Außenstehende herabgeblickt wird, ja sie mithin gar als minderwertig angesehen werden. In dem ein oder anderen gastronomischen Betrieb (sowohl als Gast wie auch als Angestellter) hatte ich schon des Öfteren das Gefühl, hier herrsche ein Klima im Sinne von „wir gegen die“.

 

 

 

Die zweckgebundene Berufsbekleidung bringt jedoch darüber hinaus oftmals noch einige weitere Probleme mit sich, denn so ist Sicherheitskleidung niemals chic, vornehme Kleidung selten bequem, bequeme Kleidung selten businesstauglich, und der Zwang, jeden Tag andere Klamotten auswählen zu müssen, würde mich nicht nur mental überfordern, es würde auch die bescheidenen Möglichkeiten meines Kleiderschranks sprengen. Als ich die Ausbildung zum Hotelfachmann über mich ergehen ließ, waren natürlich schwarze Stoffhose, schwarze Schuhe, weißes Hemd und Krawatte für die männlichen Arbeitnehmer Pflicht. Später kam eine ebenfalls schwarze Weste hinzu, die furchtbar schlecht saß und mich wie einen zu klein geratenen Wild-West-Sheriff aussehen ließ. Ebenso hatte ich seither immer große Schwierigkeiten, eine halbwegs vernünftig passende Stoffhose zu finden. Eine solche sitzt bei mir grundsätzlich entweder zu eng (die damit einhergehenden „Komplikationen“ erspare ich dem Leser) oder aber sie ist zu weit und hängt an meinen kurzen Beinen wie ein oben zusammengeschnürter Sack. Ein großes Problem ist meiner Erfahrung nach ganz besonders das Schuhwerk, denn schicke Schuhe sind nur in besonderen Ausnahmefällen auch dazu geeignet, um acht bis zehn Stunden in ihnen zu stehen und zu gehen. Bequeme Schuhe hingegen sind in vielen Fällen eben nicht chic genug und daher nicht gern gesehen oder gar verboten. Schmerzende Füße sind aus diesem Grund wohl eine chronische Begleiterscheinung der Gastronomie, zudem sind häufig Fehlstellungen, eingewachsene Zehennägel u. ä. die Folge. Die einzigen Kleidungsteile, mit denen ich mich von Beginn an in meinem Beruf wirklich anfreunden  konnte, waren Hemd und Krawatte.

 

 

 

Wer viele Jahre oder gar sein Leben lang auf dieselbe Berufskleidung angewiesen ist, der übernimmt über kurz oder lang vermutlich einige der damit einhergehenden, oben beschriebenen Effekte dauerhaft in seinen Charakter. Das muss natürlich nicht immer negativ sein, außerdem sind Beruf und Berufskleidung derart eng miteinander verbunden, dass es schwierig ist, Beeinflussungen ausschließlich auf die Kleidung zurückzuführen. Dennoch halte ich die Wirkung der Kleidung auf unsere Person für größer, als wir vielleicht glauben mögen – denn immerhin bestimmt sie zu 10% unserer Lebenszeit, wie wir aussehen und wie wir auf andere wirken.

 

 

 

Übrigens: Die Zeit, die benötigt wird, um sich umzuziehen und die Berufsbekleidung anzulegen, zählt nach einem Urteil des Bundesarbeitsgerichtes (Az. 5 AZR 678/11) als reguläre und damit zu bezahlende Arbeitszeit.

 

 

 

 

 

Siehe auch:

 

 

http://www.stern.de/tv/experiment--so-gehorchen-die-deutschen-autoritaeten-6374564.html

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Milgram-Experiment

 


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