Der Bartender hat immer Recht - Teil VI

Der Bartender hat immer Recht - Teil VI

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Mit diesem Artikel endet meine sechsteilige Serie zum Thema Arbeitsrecht. Behandelt habe ich darin das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (Teil I), das dafür Sorge trägt, dass niemand aufgrund von Alter, Geschlecht, Religion oder sexueller Orientierung beruflich schlechter behandelt wird als Kollegen in vergleichbarer Position; Teil II handelte von der Gestaltung des Arbeitsvertrages und hat aufgezeigt, dass jeder Arbeitnehmer Anspruch auf die schriftliche Niederlegung der Arbeitsbedingungen und –vereinbarungen hat; in Teil III befasste ich mich mit der Befristung von Arbeitsverträgen und dem Schindluder, das sehr oft damit betrieben wird; danach ging es weiter mit Arbeitszeitgesetz und Bundesurlaubsgesetz (Teil IV) und wir haben einmal mehr gesehen, dass viele von uns zu lange am Stück, insgesamt zu viel oder an mehr Sonn- und Feiertagen arbeiten, als tatsächlich rechtlich zulässig ist, und wir haben festgestellt, dass auch Aushilfen einen Anspruch auf bezahlten Urlaub haben; weiter ging es in Teil V mit Disziplinarmaßnahmen und Kündigung, wo ich u. a. aufgezeigt habe, dass unbefristet beschäftigte Arbeitnehmer nach Ablauf ihrer Probezeit in der Regel nicht mehr so ohne Weiteres gekündigt werden können – weshalb nicht selten zu schmutzigen Tricks gegriffen wird, um unliebsam gewordene Mitarbeiter doch noch irgendwie loszuwerden.

 

 

Ich habe versucht, die behandelten Gesetze sinnvoll aufeinander aufbauend und so der Reihe nach zu beschreiben, wie das vom Beginn bis zur Beendigung eines Arbeitsverhältnisses der Fall sein würde. Im heutigen Teil widme ich mich demzufolge dem letzten noch fehlenden Baustein, der in aller Regel mit einer Kündigung Hand in Hand geht und zur Anbahnung eines neuerlichen Arbeitsverhältnisses längst unverzichtbar ist: dem Arbeitszeugnis.

 

 

Ganz gleich auf welche Weise ein Arbeitsverhältnis letztlich beendet worden ist, der Arbeitnehmer hat immer einen rechtlichen Anspruch auf ein schriftliches Arbeitszeugnis. Dieses Zeugnis muss die Art und Dauer der Beschäftigung, während des Arbeitsverhältnisses erworbene Qualifikationen, sowie die Leistungen und das Sozialverhalten des Arbeitnehmers beinhalten. Von besonderer Wichtigkeit ist das Arbeitszeugnis deshalb, da es maßgeblich die Entscheidung zukünftiger potentieller Arbeitgeber beeinflusst, ob ein Bewerber für eine offene Stelle in Frage kommt, oder eben nicht. Aus diesem Grund muss ein solches Zeugnis laut Gesetz zwei Kriterien erfüllen:

 

 

  • Es muss wohlwollend formuliert sein
  • Es muss der Wahrheit entsprechen

 

 

Dass das eine das andere in einigen Fällen durchaus ausschließen kann, birgt ein großes Problem für die Arbeitgeber, denn häufig stellt sich die Frage, wie man einem unzuverlässigen, widerspenstigen und vielleicht sogar unfähigen Arbeitnehmer ein wohlwollendes Zeugnis ausstellen soll. Enthält es darüber hinaus gut gemeinte Unwahrheiten, z. B. in Bezug auf die Fähigkeiten und Kenntnisse des Arbeitnehmers, kann ein späterer Arbeitgeber unter Umständen Schadensersatzansprüche gegenüber dem Zeugnisaussteller geltend machen – denn würde das Zeugnis tatsächlich der Wahrheit entsprechen, hätte man sich höchstwahrscheinlich für einen anderen Bewerber entschieden.

 

 

Der Zwang zur wohlwollenden Formulierung einerseits und das Bedürfnis nach Selbstschutz andererseits haben dazu geführt, dass sich beim Verfassen von Arbeitszeugnissen im Laufe der Zeit eine Art Geheimsprache herausgebildet hat. Wer ohne das Wissen um diese längst standardisierten Floskeln ein beliebiges Arbeitszeugnis zur Hand nimmt, der dürfte aus den geschriebenen Worten kaum schlau werden, alles in allem aber wohl einen positiven Eindruck von der dort beschriebenen Leistung gewinnen – was bisweilen gewaltig täuschen kann. Und dass, obwohl es in § 109 Absatz 2 der Gewerbeordnung heißt:

 

 

„Das Zeugnis muss klar und verständlich formuliert sein. Es darf keine Merkmale oder Formulierungen enthalten, die den Zweck haben, eine andere als aus der äußeren Form oder aus dem Wortlaut ersichtliche Aussage über den Arbeitnehmer zu treffen.“

 

 

Wie aber weist man jemandem nach, dass er etwas gänzlich anderes meint, als man seinen Worten nach vermuten könnte? Diese Problematik ist der Grund, weshalb der zitierte Abschnitt aus der Gewerbeordnung zwar nett gemeint, aber letztlich doch vollkommen für die Katz ist.

 

 

Nachfolgend einige Bespiele für Formulierungen, wie man sie typischerweise in Arbeitszeugnissen findet, und deren konkrete Übersetzung:

 

 

 

„Der Mitarbeiter erledigte die ihm übertragenen Aufgaben gewissenhaft.“ (Er tat, was man ihm auftrug, mehr aber auch nicht.)

 

„Er verfügt über Fachwissen und Selbstbewusstsein.“ (Er ist ein arroganter Pfau.)

 

„Er war bei der Kundschaft überaus schnell beliebt.“ (Er ist ein Verhandlungskrüppel.)

 

„Für die Belange seiner Kollegen bewies er ein umfassendes Einfühlungsvermögen.“ (Er ist mehr an sexuellen Abenteuern interessiert, als an irgendetwas anderem.)

 

„Er bemühte sich, den Anforderungen gerecht zu werden.“ (Er ist eine totale Niete.)

 

„Seine Geselligkeit trug sehr zur Verbesserung des Betriebsklimas bei.“ (Der Kerl ist ein Alki und kam auch schon mal betrunken zur Arbeit.)

 

„Wir wünschen ihm alles Gute und Gesundheit.“ (Besonders Gesundheit kann der Kerl gut gebrauchen, denn er war regelmäßig krankgeschrieben.)

 

 

 

Auch wenn selbstverständliche Dinge im Zeugnis stehen, kann eine solche Betonung von Selbstverständlichkeiten, die eigentlich keiner besonderen Erwähnung bedürfen, meist als negativ gemeinter Wink mit dem Zaunpfahl verstanden werden. Auf die gleiche Weise lassen sich auch Rechtschreibfehler, fehlende Satzzeichen, schmutziges oder zerknittertes Papier und eine auffallend krakelige Unterschrift des Chefs deuten. Eine Schlussformel im Sinne von „Wir danken für die erfolgreiche Zusammenarbeit und wünschen alles erdenklich Gute“ ist nach einem Gerichtsbeschluss nicht mehr verpflichtend für die Arbeitgeber, doch kann das Fehlen einer solchen ganz ohne Frage negativ gedeutet werden. Fehltage und Krankenzeiten dürfen im Übrigen nicht, der Kündigungsgrund nur mit Zustimmung des Arbeitnehmers im Arbeitszeugnis genannt werden. Gerichte haben zudem entschieden, dass ein Zeugnis insgesamt nicht schlechter als „befriedigend“ sein darf.

 

 

Eine einfache Regel, wie man ein Arbeitszeugnis richtig liest, besagt, man solle besonders auf mögliche Doppeldeutigkeiten achten – und sodann die negative Auslegung als die wahre Aussage betrachten. Positiv zu werten sind hingegen immer Sätze, die die klein und unbedeutend erscheinenden Worte „stets“ und „vollsten“ beinhalten. Eine Abwertung um eine ganze Schulnote kann hingegen erreicht werden, wenn bei dem Wörtchen „vollsten“ ganz einfach das „t“ weggelassen wird – es ist schon erstaunlich, welche Auswirkungen ein einzelner Buchstabe haben kann. Nachfolgend einige Beispielsätze, nach Schulnoten geordnet (Eine kleine Anmerkung am Rande sei, dass ich zwar durchaus für die Gleichstellung der Geschlechter bin, aber nicht so weit gehen würde, bis dies zur Unsinnigkeit und Verkomplizierung der Sprache im Sinne von „Er oder sie“, „sie bzw. er“, „er/sie“, „er/sie/es“ etc. führt. Aus diesem Grund sind meine Subjekte immer männlich.):


Note 1:

„Er hat die ihm übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollsten Zufriedenheit erledigt.“

 

„Wir waren mit den erbrachten Leistungen in jeder Hinsicht außerordentlich zufrieden.“

 

„Er zeigte außergewöhnliches Engagement.“

 

„Er erzielte herausragende Arbeitsergebnisse.“

 

„Er wurde von Kollegen, Vorgesetzten und Kunden stets als freundlicher und fleißiger Mitarbeiter geschätzt.“


Note 2:

„Er hat die ihm übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollen Zufriedenheit erledigt.“

 

„Er hat die Aufgaben mit äußerster Sorgfalt und Genauigkeit erledigt.“

 

„Er hat unseren Erwartungen in jeder Hinsicht und bester Weise entsprochen.“

 

„Die Qualität seiner Arbeit war stets überdurchschnittlich.“

 

„Er war immer freundlich und aufgeschlossen.“

 

„Sein Verhältnis zu Kollegen, Vorgesetzten und Kunden war einwandfrei.“


Note 3:

„Er hat die ihm übertragenen Aufgaben zu unserer vollen Zufriedenheit erledigt.“

 

„Wir waren mit den erbrachten Leistungen jederzeit zufrieden.“

 

„Er erfüllte unsere Erwartungen in jeder Hinsicht.“

 

„Die Qualität seiner Arbeit war überdurchschnittlich.“

 

„Er zeigte Engagement und Initiative.“

 

„Sein Verhalten gegenüber Kollegen und Vorgesetzten war vorbildlich.“


Note 4:

„Er hat die ihm übertragenen Aufgaben zu unserer Zufriedenheit erledigt.“

 

„Wir waren mit den erbrachten Leistungen zufrieden.“

 

„Er hat unseren Erwartungen entsprochen.“

 

„Er hat alle Aufgaben mit Sorgfalt und Genauigkeit erledigt.“

 

„Seine Arbeitsergebnisse entsprachen den Anforderungen.“

 

„Sein Verhalten gegenüber Mitarbeitern war vorbildlich.“


Note 5:

„Er hat die ihm übertragenen Aufgaben weitestgehend zu unserer Zufriedenheit erledigt.“

 

„Er hat alle Aufgaben im Allgemeinen mit Sorgfalt erledigt.“

 

„Er hat unseren Erwartungen weitestgehend entsprochen.“

 

„Er hat sich im Rahmen seiner Möglichkeiten bemüht.“

 

„Sein persönliches Verhalten war insgesamt einwandfrei.“


Note 6:

„Er hat sich bemüht, die ihm übertragenen Aufgaben zu unserer Zufriedenheit zu erledigen.“

 

„Er hat unseren Erwartungen entsprochen.“

 

„Er war um zuverlässige Arbeitsweise bemüht.“

 

„Er war stets bemüht, anfallende Arbeiten zu bewältigen.“

 

 

Im günstigsten Fall endet das Arbeitszeugnis mit einer Schlussformel wie „Der Mitarbeiter verlässt uns auf eigenen Wunsch. Wir bedauern sein Ausscheiden aus unserem Unternehmen sehr und wünschen ihm für seine Zukunft alles erdenklich Gute.“ Deutlich anders klingen Sätze wie „Der Mitarbeiter verlässt uns im gegenseitigen Einvernehmen.“ (er wurde gekündigt) oder „Wir bedanken uns für die Zusammenarbeit.“ (endlich sind wir ihn los).

 

 

Mit ein wenig Übung und unter Berücksichtigung der gängigen Floskeln sollte nach kürzester Zeit jeder in der Lage sein, ein Arbeitszeugnis richtig zu lesen und die dahinter steckenden Botschaften korrekt zu deuten. Wer sodann allerdings plötzlich merkt, dass sein ehemaliger Chef ihn doch nicht ganz so toll fand wie ursprünglich angenommen, der sollte sich womöglich beeilen: nach 3 Jahren verjährt der Anspruch auf ein angemessenes Arbeitszeugnis.

 

 

Wer sich eingehender mit dem Thema beschäftigen möchte, den verweise ich auf die folgenden Seiten:

 

 

http://karrierebibel.de/arbeitszeugnis/

 

 

https://arbeits-abc.de/arbeitszeugnis/

 

 

  

 

 

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