Der Bartender hat immer Recht - Teil I

Der Bartender hat immer Recht - Teil I

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Durch meine im vorangegangenen Blog-Beitrag Berlin - das Mekka der Bartender? beschriebenen Erfahrungen während der Jobsuche sehe ich mich dazu veranlasst, eine kleine Artikel-Reihe zum Thema Arbeitsrecht zu verfassen. Denn wie wir ja alle wissen hat ein Bartender zwar immer Recht, wohl ist aber nicht jedem von ihnen auch immer vollkommen klar, warum er Recht hat. Aber Spaß beiseite. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass sich viele Arbeitnehmer zwar durchaus ihrer Pflichten bewusst sind, ihre Rechte vernachlässigen sie dabei allerdings häufig ganz gerne, sei es aus Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit oder aber aus Angst, den Job zu verlieren, sollte man sich zur Wehr setzen und auf seine Rechte bestehen. In den meisten Oberstübchen ist das Thema, das meist in Begleitung von kollektiven Gähn-Attacken im trägen berufsschulischen Sozialkundeunterricht behandelt worden ist, zudem wohl derart angestaubt, dass eine kleine Auffrischung nicht schaden dürfte.

 

 

Selbstverständlich werde ich das Arbeitsrecht nicht erschöpfend in allen seinen Einzelheiten behandeln, denn erstens ist es hierfür zu umfangreich, zweitens ist das meiner Meinung nach auch gar nicht erforderlich. Stattdessen werde ich mich auf diejenigen Bereiche beschränken, mit denen man nach meiner subjektiven Erfahrung als Arbeitnehmer in der Gastronomie noch am ehesten in Berührung kommt. So werde ich z. B. das Betriebsverfassungsgesetz gänzlich weglassen, denn entweder ist der Großteil der Betriebe zur Gründung eines Betriebsrats zu klein (Voraussetzung: mind. 5 Vollzeitarbeitnehmer) oder es wird von Seiten der Angestellten aus welchen Gründen auch immer ganz einfach darauf verzichtet.

 

 

Beginnen möchte ich chronologisch sinnvoll mit dem in aller Regel ersten Schritt, der zur Anbahnung eines Arbeitsverhältnisses führt: dem Wälzen von Stellenanzeigen. Egal, in welcher Zeitung, auf welcher Homepage, Plattform oder Website sich diese Anzeigen nun befinden mögen, schon bis hierhin haben sich die Fühler des Arbeitsrechts ausgestreckt, u. U. lange bevor man seinen potenziellen Arbeitgeber überhaupt zu Gesicht bekommt. In einer erschreckend großen Zahl der Fälle verstoßen die Inserenten bereits hier gegen namentlich einen Teil dieses Rechts - vermutlich ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein - denn Punkt 1 auf meiner Liste wird vereinnahmt vom 


Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG)

Dem AGG zufolge darf niemand aus Gründen der Rasse oder ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder sexuellen Identität benachteiligt werden. https://www.gesetze-im-internet.de/agg/

 

 

Ein Blick auf die Jobbörsen und Stellenanzeigen genügt und man wird feststellen, wie wenige das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz kennen bzw. auch nur einen feuchten Kehricht darum scheren. Überdurchschnittlich oft liest man Sätze wie „Gesucht wird eine weibliche Bedienung“ oder „Wir suchen einen Barmann. Du solltest mindestens 25 Jahre alt sein.“, letztens las ich sogar „Ich suche mehrere sexy Barfrauen“. Nicht nur, dass viele dieser Anzeigen unglaublich plump, unprofessionell und nicht selten sogar ausgesprochen dämlich wirken, schon hier werden Personenkreise nach Geschlecht und Alter gleich im Vorfeld ausgegrenzt. Das aber ist nur in Ausnahmefällen auch rechtlich zulässig, z. B. wenn die besondere Art der Tätigkeit eine Ungleichbehandlung rechtfertigt (so ist bspw. eine katholische Mädchenschule durchaus berechtigt, bei der Bewerberauswahl ausschließlich weibliche Lehrkräfte zu berücksichtigen, die zudem katholischen Glaubens sind).

 

 

 

Angenommen ich bewerbe mich nun auf die folgende Anzeige, die ich bei meiner verzweifelten Jobsuche im vergangenen Sommer auf eBay-Kleinanzeigen gefunden habe (rein hypothetisch, ich hatte mich damals natürlich nicht beworben):



Wie vorherzusehen war, wird meine Bewerbung natürlich abgeschmettert mit dem Hinweis, dass mit der Anzeige ausdrücklich weibliche Bewerber angesprochen werden sollten. Dass ich mit 35 Jahren zudem auch noch älter als gewünscht bin, wird aus Höflichkeitsgründen nicht weiter erwähnt. Im äußerst unwahrscheinlichen Fall, der Inserent hätte sich die kaum zumutbare Mühe gemacht, mir diese Absage schriftlich zukommen zu lassen, so stünden meine Chancen auf eine Entschädigungszahlung nun ziemlich gut. Denn ich könnte beweisen, dass ich aufgrund meines Geschlechts und u. U. sogar meines Alters abgelehnt worden bin.

 

 

Ein solcher Schadenersatz kann bis zu drei Monatsgehälter betragen – eine empfindliche Strafe für ein paar unbedacht gewählte Worte. Es soll sogar Personen geben, die versuchen aus der Unwissenheit vieler Arbeitgeber ein regelrechtes Geschäft zu machen, gezielt nach entsprechenden Stellenausschreibungen Ausschau halten und die Gerichte mit Klagen überschwemmen. So etwas dürfte ihnen allerdings kaum öfter als vielleicht ein oder zweimal gelingen, da ein Richter sehr schnell durchschauen sollte, ob sich der Betroffene tatsächlich ernsthaft auf die fragliche Stelle beworben hatte oder lediglich auf der Jagd nach Geld ist.

                                         

 

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz gilt nicht nur im Zusammenhang mit Stellenanzeigen bzw. der Bewerberauswahl, es erstreckt sich auch auf alle anderen Bereiche des Beschäftigungsverhältnisses, so z. B. auf die Vertragsgestaltung, das Arbeitsentgelt und die Sozialleistungen, die Arbeitsbedingungen, die berufliche Ausbildung, bei Fragen des beruflichen Aufstiegs, die Beendigung des Arbeitsverhältnisses usw. Überall gilt das Verbot der Ungleichbehandlung aufgrund der weiter oben genannten Kriterien, es besagt also: Alle sind vor dem Arbeitgeber gleich.

 

 

Ich war nicht wenig erstaunt als ich gelesen habe, dass es dieses Gesetz erst seit dem Jahr 2006 gibt, als geradezu armselig empfinde ich hingegen die Tatsache, dass auch heute noch immer tausendfach dagegen verstoßen wird. Denken wir nur einmal an die flächendeckend vorherrschende ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern, eines der offenen Geheimnisse in unserer Arbeitswelt. Gerne sehen wir uns selbst als modern, fortschrittlich, gerecht und betont nicht sexistisch – auf welcher Stufe wir aber tatsächlich stehen, zeigt manchmal schon ein Blick auf die Gehaltszettel.

 

 

Persönlich habe ich Diskriminierung ebenfalls schon erlebt, neuerdings in Bezug auf mein Alter (ich bin hochbetagte 35), als ich vor beinahe 11 Jahren nach Berlin kam aufgrund meiner Herkunft aus Bayern (ja, man mag es nicht glauben, aber als der Besitzer einer Bar diesbezüglich nachhakte, war die Stelle, für die ich mich beworben hatte, auf wundersame Weise von einer Sekunde auf die nächste schon vergeben). Kaum auszudenken wie es einem da auf dem Arbeitsmarkt ergehen muss, wenn man eine Frau, Muslima, homosexuell und zudem noch bekennende FDP-Wählerin ist.

 

 

 

 

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