Berlin - das Mekka der Bartender?

Berlin - das Mekka der Bartender?

Foto: Pixabay


„Berlin ist das Mekka der Bartender“, behauptete mir gegenüber vor nicht allzu langer Zeit ein bekannter berliner Bartender. An kaum einem anderen Ort (zumindest in Deutschland) existiere schließlich eine so geballte Menge an hochkarätigen Bars, die sich ohne weiteres auch mit der internationalen Spitze messen könne, wie in der Metropole an der Spree. Er spielte damit auf die Entwicklung der vergangenen Jahre an, während der die hiesige Barszene eine entscheidende Wandlung durchgemacht hatte.

 

 

Was zunächst nur als längst überfällige Anpassung an internationale Standards begonnen hatte, hat sich mittlerweile zu einer eigenständigen Barkultur gemausert, die Trends nicht nur nachahmt, sondern auch selbst Trends schafft. Diese beachtliche Dynamik lockt seit einiger Zeit Bartender und solche, die es werden wollen, aus aller Welt nach Berlin, um hier bei den Meistern ihres Fachs gewissermaßen in die Lehre zu gehen. Der Vergleich mit der heiligen Stadt des Islam schien also durchaus gerechtfertigt, ist unsere Hauptstadt doch eine Pilgerstätte für die Freunde der flüssigen und geistigen Genüsse. Dass Berlin genau der richtige Ort für einen Bartender sei, war also auch mein eigener Eindruck, denn immerhin hatte auch ich die Branche in den vergangenen Jahren nicht gänzlich unbeobachtet durch das Raum-Zeit-Kontinuum gleiten lassen. Doch dann geschah etwas, das meinen optimistischen Blick stärker trüben sollte, als ich es für möglich hielt: Nach rund acht Jahren geriet ich das erste Mal in die Verlegenheit, arbeitslos zu werden und mich nach einer neuen Stelle umsehen zu müssen.

 

 

Ich ließ die Sache zunächst bewusst entspannt angehen. In den vergangenen Jahren hatte ich viel gearbeitet und mir nur selten einmal Urlaub gegönnt. Die letzten Monate im alten Betrieb waren durch die Aufbruch- bzw. Endzeitstimmung und dem damit einhergehenden Chaos zudem noch einmal besonders stressig gewesen, was aber immerhin dazu geführt hatte, dass ich mir ein kleines Fettpolster ansparen konnte. Nach einer 18tägigen Tour durch Kroatien war ich Ende Mai wieder zurück in Berlin und machte mich träge und geistig noch immer vollkommen abwesend, aber doch immerhin zuversichtlich auf die Stellensuche. Die erste Frage, mit der ich mich nun konfrontiert sah, war die folgende: Wie findet man eine geeignete Stelle bzw. wo sucht man danach?

 

 

Der klassische Weg der Jobsuche über Zeitungsannoncen entpuppte sich schnell als nicht sonderlich ergiebig; B.Z., Morgenpost und Co. waren wie leergefegt, kaum ein potentieller Arbeitgeber schien hier noch Anzeigen zu schalten. Weitaus üppiger war das Angebot auf eBay-Kleinanzeigen – die Qualität der hier ausgeschriebenen Stellen war allerdings mehr als fragwürdig. Das erste, das mir schon nach kurzer Zeit förmlich die Netzhaut versengte, war das unglaublich schlechte, an legasthenische Vorschulkinder erinnernde Sprachniveau. Der Umstand, dass Anzeigen hier kostenlos geschaltet werden konnten, schien die Inserenten zu laxen Formulierungen, massiven Rechtschreibfehlern und einer merkwürdigen stenografischen Ausdrucksweise zu verleiten, die eher an in betrunkenem Zustand geschriebene WhatsApp-Nachrichten erinnerte. Alles in allem wirkten die hier vertretenen Stellenangebote auf mich nicht sonderlich vertrauenerweckend, also brach ich die dortige Fahndung nach kürzester Zeit und mit schmerzenden Augen wieder ab.

 

 

Als nächstes führte mich die Suche über die sozialen Medien in entsprechende Facebook-Gruppen wie „Bar Jobs“, „Gastro Facebook“ usw. Schon allein die schiere Masse der hier vertretenen Mitglieder war vielversprechend, außerdem hob sich die Qualität der Anzeigen schon auf den ersten Blick deutlich von denjenigen unter eBay-Kleinanzeigen ab. Weiterhin war den Angeboten oft ein Foto und ein weiterführender Link beigefügt, sodass man sich gleich einen ersten Eindruck des potentiellen Arbeitgebers verschaffen konnte. Allerdings begegnete ich hier erstmals einem Phänomen, das ich in den kommenden Wochen und Monaten noch als den Normalfall kennenlernen sollte: Auf meine Nachrichten und Bewerbungen erfolgte nicht die geringste Reaktion. Anfangs hatte ich noch Zweifel, ob meine Anschreiben auch tatsächlich angekommen waren, später, und nach so mancher zweiten oder sogar dritten Nachricht an den Inserenten, wurde ich eines Besseren belehrt. Anstatt sich einmal alle bisherigen Bewerber anzusehen, erschienen die Anzeigen wieder und wieder mit nur leichten Veränderungen im Wortlaut oder – nachdem ich einmal auf diesem Wege nachgehakt hatte – mit gesperrter Kommentarfunktion. In einem anderen Fall wurde im Stellenangebot nun explizit darauf hingewiesen, dass nur Bewerber zwischen 25 und 30 Jahren berücksichtigt würden. Wow, das nahm ich nun wirklich persönlich.

 

 

Mittlerweile war es Sommer und ich schwankte zwischen dem süßen Nichtstun und Lesen in der Hängematte, und einem inneren Druck, verursacht durch die wenig angenehme Gewissheit, dass meine finanziellen Reserven mir diesen entspannten Lebensstil nicht ewig gestatten würden. Neben den bis dato nicht sonderlich von Erfolg gesegneten Mitteln der Arbeitsfindung fügte ich deshalb nun eine weitere hinzu: Ich erstellte eine lange Liste an Bars, die sich in nicht allzu großer Entfernung von meinem zu Hause befanden, und schickte entsprechende Initiativbewerbungen auf den Weg durch das Netz. Diese Vorgehensweise sollte sich letztlich als am effizientesten herausstellen und die mit Abstand besten Erfolge zeitigen. Doch auch hier war mein gewonnener Eindruck ernüchternd. An die wirklich interessanten Stellen gelangt man fast ausschließlich über das oft zitierte Vitamin-B. Wer nicht jemanden kennt, der jemanden kennt, der jemanden kennt, hat kaum eine Chance auf eine Chance und geht in der Masse der Bewerbungen einfach unter. Denn auch das ist eine Seite der Medaille, wenn man in einer boomenden Stadt lebt und in einer aufstrebenden Branche Arbeit sucht: Alle wollen hierher, alle wollen denselben Job wie Du.

 

 

Als ich im Jahr 2006 von der bayrischen Provinz nach Berlin gezogen war, glich das einem Kulturschock, nicht nur sozial und kulturell, sondern ganz besonders auch was die Gepflogenheiten eines Arbeitsverhältnisses anging. Völlige oder teilweise Schwarzarbeit in der Gastronomie war normal, ebenso, dass zum Ausgleich der Staat beschissen wurde. Schriftliche Arbeitsverträge gab es nicht, der Stundensatz lag weit unter dem heutigen Mindestlohn. Aber das war vor über zehn Jahren, wir schrieben nun das Jahr 2016 und die Stadt hatte sich einer rasanten Entwicklung unterzogen und war zum Anziehungspunkt für Menschen aus aller Welt geworden, all das konnte doch nicht spurlos an der Gastronomie vorbeigezogen sein. Doch allen hochlobenden Tönen aus der Fachpresse zum Trotz hat sich diese Branche nach meiner Erfahrung als besonders widerstandsfähig gegen diesbezügliche Veränderungen herausgestellt. Mein Fazit nach rund sieben Monaten der Jobsuche ist niederschmetternd:

 

 

  • Ein Großteil der Bewerbungen bleibt unbeantwortet, stattdessen werden dieselben Stellenanzeigen manchmal über Monate hinweg immer wieder geschaltet. Selbst eine einfache, standardisierte Absage an die Bewerber scheint offenbar zuviel verlangt. Zudem kann sich jeder leicht ausmalen, welche Bedingungen in einem Betrieb auf einen warten, der anscheinend fortwährend unter Personalmangel leidet.
  • Schwarzarbeit ist noch immer ein großes Problem. Trotz gegenteiliger Zusage hatte mich ein Arbeitgeber aus Kreuzberg auch nach zwei Wochen noch immer nicht ordentlich angemeldet. Der mir danach vorgelegte Vertrag wies derart gravierende Unterschiede zu unseren mündlichen Vereinbarungen auf, dass ich die Stelle kurzerhand aufgab.
  • Selbst bekannte Bars stellen keine schriftlichen Arbeitsverträge aus und ignorieren die Tatsache, dass man als Arbeitnehmer einen Anspruch auf die Niederschrift der wesentlichen Vertragsbedingungen bis spätestens einen Monat nach Arbeitsaufnahme hat. Sollte es zum Äußersten kommen, ist so die Gefahr groß, an der Beweispflicht zu scheitern und in einem eventuellen Rechtsstreit den Kürzeren zu ziehen.
  • In einem Fall wurde von mir erwartet, 1 – 2 Monate ohne einen Anspruch auf Trinkgeld zu arbeiten. Danach, so hieß es, würden die eingesessenen Bartender sich beraten und gemeinsam entscheiden, ob ich mir eine Beteiligung am Topf verdient hätte. Auch hier handelte es sich um eine bekannte berliner Bar, die sogar zu den Top Ten der Stadt gezählt wird.
  • Einige Male sollte ich ohne vorheriges Gespräch bezüglich Stundenlohn, Arbeitszeiten usw. einfach direkt die erste Schicht antreten, anscheinend war hierzu noch nicht einmal ein noch so kurz gehaltenes persönliches Kennenlernen vonnöten. Hier lag stets der Verdacht nahe, dass man lediglich auf der Suche nach einem billigen oder gar kostenlosen Lückenfüller war, denn
  • Probeschichten werden im Grunde nie bezahlt. Dabei reichte die Dauer eines solchen unumgänglichen „Probelaufens“ von zwei bis hin zu neun Stunden. Das Argument war stets das gleiche: Man müsse schließlich erst einmal sehen, ob der Bewerber auch über entsprechende Fähigkeiten und Kenntnisse verfüge, bevor man sich auf ihn einlasse. Gerne hätte ich den Spieß umgedreht und mir vorab erst mal einen vollen Tageslohn ausbezahlen lassen – schließlich konnte auch ich nicht wissen, ob der fragliche Betrieb auch wirklich seinen Pflichten als Arbeitgeber pünktlich und in vollem Umfang nachkommt.
  • Auch zwischen den einzelnen Stadtbezirken gibt es vor allem in finanzieller Hinsicht gravierende Unterschiede. So werden meiner Erfahrung nach Bartender in Mitte und Charlottenburg am besten bezahlt und erhalten ein deutlich höheres Trinkgeld, gefolgt von Prenzlauer Berg und Schöneberg. Am wenigsten Geld gab es in Friedrichshain, Kreuzberg und Wedding.
  • Alles in allem schnitten Hotelbars im Vergleich noch am besten ab. Hier gibt es praktisch keine Schwarzarbeit und auch sonst hat arbeitsrechtlich in der Regel alles seine Ordnung. Zudem werden eingehende Bewerbungen immer bestätigt, wer abgelehnt wird, erhält einen entsprechenden Dreizeiler. Allerdings musste ich nach einem einzigen zögerlichen Versuch schließlich einsehen, dass eine Hotelbar einfach keine Umgebung mehr für mich ist. Über die Jahre bin ich wohl ganz einfach zu unbiegsam geworden.

 

 

Der berliner Arbeitsmarkt ist ein raues Pflaster und nie hätte ich erwartet, dass man hier als Bartender gegen derartige Schwierigkeiten anlaufen muss. Mit 34 Jahren ist man für viele Arbeitgeber, aus welchen Gründen auch immer, zudem schon zu alt, um auch nur in die engere Auswahl zu kommen. Fragt sich, wie sich eine derartige Eingrenzung in Zukunft gestalten wird in einer Gesellschaft, die immer älter wird. Vielleicht hat sie aber auch lediglich damit etwas zu tun, junge und unerfahrene Bartender anzulocken, die sich noch problemlos formen und gestalten lassen – und die sich einfacher übers Ohr hauen lassen. Oft musste ich mir Klagen über die Qualität der Bewerber anhören, doch auch andersherum habe ich den Eindruck gewonnen, dass man alles andere als zufrieden sein kann.

 

 

Wie die Kaaba in der heiligen Stadt Mekka mag Berlin zwar viele „Gläubige“ und „Pilger“ anziehen, die sich wenigstens einmal in ihrem Leben auf die „Hadsch“ machen, um das viel besungene Juwel ihrer Überzeugung hautnah zu spüren. Doch hier wie dort gelingt es den meisten lediglich, die Stätte ihrer Sehnsucht einige Male andächtig zu umkreisen - wirklich nahe oder gar in das Allerheiligste kommen nur die Allerwenigsten.


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